Bauhaus-Universität Weimar

! XLIV. 42] 
95 
hypothesen erforderlich sind, um sie unter Gesetze zu bringen. 
Für mich ist nun gerade die Wahrnehmung, dafs nach dieser 
Auffassungsweise sich alles Detail einfacher ordnen und verstehen 
läfst und namentlich auch die dunklen genetischen Fragen mehr 
Licht zu empfangen scheinen, das treibende Motiv gewesen, eine 
Revision meiner Anschauungen über die Natur der sinnlichen 
Gefühle in dieser Richtung zu versuchen. Über Entstehung, 
Unterscheidung, Verknüpfung, Reproduktion der Sinnesqualitäten, 
über ihre räumlichen und zeitlichen Eigenschaften, über Fechxer- 
sches Gesetz, spezifische Energie, Ermüdung, Kontrast, In¬ 
duktion usw. besitzen wir eine grofse Menge von Forschungs¬ 
methoden und tatsächlichen Kenntnissen : warum sollen wir nicht 
versuchen, die gleichen Fragestellungen, Gesichtspunkte, Methoden, 
Kenntnisse auf die sogenannten Gefühlstöne anzuwenden? Viel¬ 
leicht zeigt sich dann, dafs nur jene unbegründeten Vorurteile, 
nach denen sie ein generell verschiedenes Gebiet von psychischen 
Elementen darstellen, dem Verständnis hinderlich gewesen sind. 
Vielfach sind ja auch solche Anwendungen bereits erfolgt, ohne 
dafs man sich durch den theoretisch gezogenen Grenzkordon hat 
irre machen lassen. Ich mufs mich aber hier auf wenige Worte 
beschränken, die nur beabsichtigen, das eigentliche Ziel der vor- 
• • 
hergehenden Überlegungen zu bezeichnen. 
Dafs die Analgesie auf Grund unseres Ergebnisses am 
einfachsten definiert wird, leuchtet ein. Sie ist dann eben eine 
Anästhesie für diese Klasse von Empfindungen, ebenso wie 
die Hyperalgesie ein Fall der Hyperästhesie. So sind diese 
Erscheinungen doch eigentlich auch stets von Medizinern ange¬ 
sehen worden, als Ausfalls- oder Steigerungserscheinungen nicht 
etwa in bezug auf Affekte oder Begehrungen, sondern in bezug 
auf die unmittelbare sinnliche Empfindlichkeit. Dafs sie von 
emotionellen Zuständen mitbedingt sein können, steht dem nicht 
entgegen. Auch die merkwürdigen Fälle totaler Analgesie bei 
sonst erhaltener Empfindlichkeit1 verlieren das Paradoxe : sie 
1 Vgl. die von Welr Mitchell und P. Eve beobachteten Fälle, die 
Strong, Psychol. Rev. 2 (1895), S. 331 zitiert. Ferner E. Stransky, Monats¬ 
schrift f. Psychiatrie u. Neurologie 12 (1902), S. 531 f. Ein sonst normaler 
junger Mann war nach Stranskys Bericht fast ganz unempfindlich für 
Schmerz, und zwar seit seiner Kindheit. Kur durch äufserst starke 
faradische Ströme konnten Schmerzpunkte in weiten Zwischenräumen von¬ 
einander festgestellt werden.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.