Bauhaus-Universität Weimar

[XLIV. 32J 
85 
und ausnahmslos unmöglich ist — wenn dies wirklich der 
Fall ist. 
Die Kraft dieses Argumentes, die ich keineswegs unter¬ 
schätze und lange genug selbst empfunden habe, scheint mir 
gleichwohl keine zwingende zu sein. Zunächst ist bei isolierten 
Farben oder Tönen von mittlerer Stärke die Annehmlichkeit 
oder Unannehmlichkeit schon in der wirklichen Empfindung in 
den meisten Fällen und für die meisten Individuen wenig aus¬ 
geprägt, Es wird uns oft recht schwer, zu sagen, ob eine Farbe 
mehr angenehm oder mehr unangenehm ist, oder ob sie ange¬ 
nehmer ist als eine andere. In besonderen Fällen wirkt wohl 
auch eine einzelne Farbe, ein einzelner Ton intensiv wohltuend, 
auch die augenblickliche Nervendisposition und die individuelle 
Organisation sind von Einflufs darauf. Aber im ganzen sind die 
rein sinnlichen Gefühlswirkungen isolierter Farben (einschliefslich 
der Graunuancen) und isolierter Töne (einschliefslich der Geräusche) 
relativ gering.1 Darum kann man wohl begreifen, dafs es uns 
nicht gelingen will, so schwache Gefühlsempfindungen in der 
blolsen V orstellung als gesonderte Inhalte zu reproduzieren, dafs 
sie sich vielmehr nur im Gefolge der vorgestellten Farbe, des 
vorgestellten Tones selbst einigermafsen wieder einstellen. 
Stärkere sinnliche Wirkungen können schon bei Kombi¬ 
nationen mehrerer Farben oder mehrerer Töne eintreten, wenn 
die ersteren nebeneinander, die letzteren gleichzeitig gegeben 
sind. Noch stärkere sind an Geschmäcke und Gerüche geknüpft, 
auch wenn diese Empfindungen selbst keine besondere Stärke 
besitzen. Hier ist nun aber auch die behauptete Untrennbarkeit 
in der Vorstellung keineswegs so sicher. W. Nagel gibt an, dafs 
er (ungeachtet seiner eingehenden Beschäftigung mit Gerüchen) 
schlechterdings unfähig sei, Geruchsempfindungen in der Er¬ 
innerung zu reproduzieren, dafs er dagegen mit Leichtigkeit das 
mit einer Geruchsempfindung verbundene Lust- oder Unlustgefühl 
reproduzieren könne. 2 Da hätten wir ja die Abtrennung ver¬ 
wirklicht. So mag auch der Austernfreund schon beim Anblick, 
ja beim Namen der geliebten Speise einen Anflug des körperlichen 
Wohlbehagens verspüren, das sonst mit dem Genufs verknüpft ist, 
1 IIekbart schrieb den einfachen Empfindungen als solchen überhaupt 
keine Gefühlsbetonung zu; worin er freilich viel zu weit gegangen ist. 
2 Nagels Handbuch der Physiologie III, S. 620.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.