Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Sprachlaute: Experimentell-phonetische Untersuchungen nebst einem Anhang über Instrumental-Klänge
Person:
Stumpf, Carl
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit8526/72/
Entwicklungsstadien. 
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Außer U selbst hat also jeder Vokal seine nächste Grundlage 
in einem anderen Vokal, 0 in U, A in 0, Ä in AO, E in 0, 
I und Ü in U. Darauf baut sich erst das Eigentümliche des bezüg¬ 
lichen Vokals auf. 
Es ist eine bemerkenswerte Tatsache, daß überhaupt alle 
wesentlichen Umwandlungsprodukte beim Ab- und Auf¬ 
bau selbst Vokalcharakter tragen. Dies ist durchaus nicht 
selbstverständlich. Denn es gibt zahllose Kombinationen von 
Teiltönen in bestimmten Stärke Verhältnissen, die instrumental 
klingen. In einzelnen Fällen sind uns denn auch solche mehr 
instrumental gefärbte, klarinetten- oder fagottähnliche, auch wohl 
tierstimmenähnliche Laute begegnet; aber nur bei den Lücken¬ 
versuchen sowie bei einzelnen Konsonanten wie R („Gurren ), 
niemals bei den gewöhnlichen Abbauversuchen mit Vokalen. Über 
die Erklärung dieser Tatsache s. 13. Kap. 
Besonders hervorzuheben sind die langen toten Strecken 
bei den helleren und hellsten Vokalen. Sind beim Aufbau des Ü, 
E oder I die ersten Stempel zurückgestellt, also die tiefsten Teil¬ 
töne freigegeben, so verändert sich der Vokalcharakter bei weiteren 
Einschiebungen lange Zeit überhaupt nicht mehr, bis der erste 
Schimmer von „etwas Hellem“ auftritt, das den Anfang des 
spezifischen Ü-, E- oder I-Charakters darstellt. 
Der nun folgende status nascendi selbst ist auch sehr inter¬ 
essant. Der Laut hat dann etwas Zwiespältiges, Brüchiges, wie 
eine mutierende Stimme; es streiten gewissermaßen ein dunkles 
und ein helles Element in ihm um die Vorherrschaft, man hört 
auch wohl z. B. ein 0 und ein E geradezu nebeneinander, das dunkle 
Element wird aber durch jeden neu hinzukommenden Oberton 
mehr und mehr zurückgedrängt, bis es zuletzt nicht mehr be¬ 
merkt wird. 
Der geschilderte Entwicklungsgang ist nun aber von ver¬ 
schiedener Länge je nach der Höhe des Grundtons. Er 
umfaßt beim Grundton C bis zu 6 Oktaven, verkürzt sich aber 
mit steigendem Grundton. Dies ist, wie man leicht sieht, be¬ 
gründet in der festen (bzw. nur wenig verschiebbaren) Lage der 
„.Formanten“ und liefert einen Beweis dafür. Aber wir kommen 
zugleich auf dem If.-Wege zu einer näheren Bestimmung dieser 
entscheidendsten Regionen. 
Zuvor noch einige Bemerkungen über die Erscheinungen 
beim Grundton C, der in der Musik wohl niemals (abgesehen 
vielleicht von russischen Kirchenchören) von einem Sänger ver¬ 
langt wird, wenn er auch als Schlußeffekt zuweilen gratis beigegeben 
wird. Obgleich auch hier alle Vokale durchaus kenntlich und unter-
        

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