Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Sprachlaute: Experimentell-phonetische Untersuchungen nebst einem Anhang über Instrumental-Klänge
Person:
Stumpf, Carl
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit8526/408/
Tiefere Erklärungsgründe. 
397 
der tieferen subjektiven Töne gegenüber gleich hohen einfachen objektiven 
Tönen, legen immer wieder die Frage nahe, ob nicht 2 Töne auch bei gleicher 
Höhe und Stärke sich noch durch ihr Volumen unterscheiden können. 
Aber bei objektiv erzeugten Tönen müßten doch solche Unterschiede durch 
objektive Verschiedenheiten des Reizes hervorgerufen werden. Es ist 
nicht abzusehen, welche Eigenschaften der Tonschwingungen bei gegebener 
Höhe, Stärke und Richtung des Eintreffens noch als variable Faktoren 
wirken könnten. Bei den subjektiven Tönen liegt es anders; da könnten 
vielleicht Ausdehnungsunterschiede in der Erregung der Nervenendigungen 
oder der zentralen Gebilde noch unabhängig von Höhe und Stärke auf- 
treten. Aber über die Entstehung solcher Töne wissen wir eben überhaupt 
noch so gut wie nichts. 
v. Hornbostel unterscheidet (2, S. 708) neben dem Volumen noch 
andere ähnliche Eigenschaften, wie Dichtigkeit, Gewicht, bei denen es mir 
aber zweifelhaft erscheint, inwieweit sie dem ursprünglichen Empfindungs¬ 
material als solchem zukommen und nicht etwa bloß auf mehr oder weniger 
zufälligen Vorstellungsassoziationen beruhen, die immerhin große sinnliche 
Lebhaftigkeit erreichen können. „Behäbigkeit“ gehört sogar sicher in 
diese Klasse. ,,Dichtigkeits“-Unterschiede würde ich noch am ehesten 
zugeben, sofern bei tiefen Tönen mit ihrer Breite auch eine eigentümliche 
Zerflossenheit auffällt, während hohe kompakter klingen. Aber sind dies 
nicht doch nur andere Bezeichnungen für die Vohimenunterschiede ? Mir 
scheint nur dann eine nachweisbare Berechtigung zur Unterscheidung von 
Attributen vorzuliegen, wenn sich zeigen läßt, daß sie in gewissem Maße 
unabhängig variieren. Auch Eigenschaften, die erst in der Verbindung oder 
Aufeinanderfolge mehrerer Empfindungen auftreten, wie die Unterschieds¬ 
empfindlichkeit oder die Beweglichkeit, würde ich nicht zu den Attributen 
im engeren Sinne zählen, obschon sie für die Charakteristik höherer gegen¬ 
über tieferen Tonlagen sehr wesentlich sind. 
Man kann ferner sagen, daß die Stärke einfacher Töne bei 
gleicher Reizstärke mit der Höhe zunehme. Bekanntlich wächst 
die Empfindlichkeit des Ohres bis in die Gegend der 4-gestr. Oktave. 
Bei noch höheren Tönen nimmt sie zwar wieder ab, aber dafür 
tritt eine vermehrte Reizbarkeit des ganzen Nervensystems infolge 
von Gehörseindrücken (größere „Eindringlichkeit“) an die Stelle, 
und die höchsten Töne sind, wenn sie die Reizschwelle erheblich 
übersteigen, von äußerst durchdringender, fast unerträglicher 
Wirkung. 
Diese 3 Eigenschaften: Helligkeit, Breite und Stärke, faßte ich 
(1, II, S. 524ff.) unter dem Namen der „Tonfarbe“ zusammen 
und versuchte aus der Tonfarbe der in einem Klang enthaltenen 
Teiltöne die Klangfarbe des Ganzen zu verstehen. Begreiflicher¬ 
weise wird ein Klang um so heller, schärfer, durchdringender, je 
mehr hohe und je höhere Töne zum Grundton hinzukommen, 
wie die Suppe um so salziger schmeckt, je mehr Salz hinzukommt, 
indem die Eigenschaften der Teile in gewissem Grade auf das 
unanalysierte Ganze übergehen. Zugleich folgerte ich, daß die 
Klangfarbe keineswegs nur von der relativen, sondern
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.