Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Sprachlaute: Experimentell-phonetische Untersuchungen nebst einem Anhang über Instrumental-Klänge
Person:
Stumpf, Carl
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit8526/382/
Zur physiologischen Hörtheorie. 
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eine größere Anzahl benachbarter Fasern in einen identischen 
Schwingungszustand, während bei den reinen tonlosen Dauer¬ 
geräuschen wahrscheinlich jede Faser durch den ihr adäquaten 
schwachen Reiz zu ihrer Eigenschwingung angeregt wird. Im 
Gehirn aber summieren sich die Intensitäten der einzelnen Ge¬ 
räuschteile, während bei den Tönen im wesentlichen vielmehr eine 
Subtraktion, und zwar allem Anscheine nach schon in der Schnecke 
selbst, stattfindet (12. Kap.). Jene Summation verhindert aber 
nicht, daß in einem beschränkten Maße auch Geräusche subjektiv 
in mehrere (2—3) gleichzeitige gröber unterschiedene Gruppen 
zerlegt werden können (o. S. 128, 135). 
Wenn nun Koehler die Ohm-Helmholtz sehe Theorie eine 
„bloß summative“ nennt, so trifft eine solche Benennung auch auf 
eine in dieser Weise ausgestaltete Vorstellung insofern zu, als 
sie den Klang in der Schnecke aus einer Summe relativ selb¬ 
ständiger, räumlich gesonderter Teilschwingungen bestehen läßt. 
Wenn er aber eine solche bloß summative Theorie für ungenügend 
erklärt, um den einheitlichen Eindruck und die qualitativen 
Verschiedenheiten der Vokale, der Klänge überhaupt, daraus zu 
verstehen, so möchte ich glauben, daß die beiden großen Forscher 
ihr Ziel so hoch überhaupt nicht gesteckt hatten. Ohm, der sich 
selbst für ganz und gar unmusikalisch erklärte und der einen geigen¬ 
spielenden Freund zu Hilfe rufen mußte, um an seiner Stelle eine 
Beobachtung über die Oktave zu machen, wollte sicherlich nicht 
behaupten, daß ihm beim Hören eines Trompetenklanges eine 
Anzahl verschiedener Teiltöne nebeneinander, sozusagen nur durch 
ein Pluszeichen verbunden, deutlich unterschieden im Bewußtsein 
gegeben wären. Aber auch Helmholtz hätte dieser Formulierung 
schwerlich zugestimmt. Er ließ die Empfindung mit allen ihren 
Eigenschaften erst in der Hirnrinde zustande kommen und verlangte 
nur (unseres Erachtens mit Recht), daß schon vorher eine rein 
physiologische Zerlegung stattfinden müsse, durch welche die 
Möglichkeit des mehrheitlichen Hörens für das Bewußtsein ge¬ 
geben und die herauszuhörenden Tonhöhen vorausbestimmt würden. 
Aber sicher hat er nicht geglaubt, mit dieser Zerlegung im Ohre 
schon alles erklärt zu haben. Die Regeln, die er für den Zusammen¬ 
hang der Klangfarbenunterschiede mit den Verschiedenheiten der 
Teiltonstruktur gibt, sind rein empirisch gefaßt und umgehen die 
Frage nach dem Warum. Er dürfte erst in der Hirnrinde die 
Faktoren gesucht haben, die aus der bloßen Summe ein Ganzes 
machen und dessen sämtliche Eigenschaften endgültig bestimmen. 
Jedenfalls kann man seine Lehre in dieser Richtung zu ergänzen 
versuchen, ohne sie um dessentwillen im Prinzip umzustoßen. 
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