Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Sprachlaute: Experimentell-phonetische Untersuchungen nebst einem Anhang über Instrumental-Klänge
Person:
Stumpf, Carl
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit8526/363/
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14. Kap. Zur Physik und Physiologie der Sprachlaute. 
II. Physiologisches. 
Über verschiedene, untrennbar mit unserem Thema zusammen¬ 
hängende physiologische Fragen ist im vorangehenden mehrfach, 
besonders im 12. und 13. Kapitel, gesprochen. Hier sollen noch 
die peripher-physiologischen Fragen über die Bildung der Laute 
durch die Sprachwerkzeuge und die Übermittelung des akustischen 
Prozesses an den Hörnerven berührt werden, aber nur so weit, 
als es der Ertrag unserer Untersuchungen nahelegt. 
1. Zur Erzeugung der Sprachlaute1). 
Kein musikalisches Instrument ist so vielseitigen Gebrauches 
fähig, wie das menschliche Sprachorgan. Man kann ihm bei gleich¬ 
bleibender Tonhöhe verschiedene Resonanzeinstellung erteilen und 
bei gleicher Resonanzeinstellung verschiedene Tonhöhen damit 
produzieren (stimmhafte Vokale). Ferner kann es außer Tönen 
Geräusche hervorbringen (Flüstervokale und Konsonanten). Es 
kann stetige Tonübergänge ebenso wie sprunghafte vollziehen 
(Grundverschiedenheit des Singens und Sprechens). Es kann sich 
endlich sogar auf verschiedene Klangfarben einstellen (Register). 
Diese Eigenschaften sind im einzelnen natürlich auch sonst vor¬ 
handen. Stetige Übergänge z. B. kann man neben sprunghaften 
auch leicht auf manchen Instrumenten hersteilen, obgleich sie in 
unserer Musik nicht offiziell und in größerem Maßstabe verwendet 
werden. In Registern übertrifft uns weit die Orgel. Aber in Ver¬ 
bindung miteinander sind diese Eigenschaften für das menschliche 
Sprachorgan grund wesentlich und charakteristisch. Sie sind 
sozusagen sein tägliches Brot und kommen in dieser Vereinigung 
sowie in der Leichtigkeit der Umstellung aus der einen in die 
andere Funktion sonst nirgends vor. 
!) Der Leser erwarte sich hier nicht ein Eingehen auf die Rurzsche 
Lehre von den „klanglichen Konstanten“ d. h. der Bedeutung der Körper¬ 
haltung und Rum pfmuskulatur, die die lichtige Klanggebung und Vortrags¬ 
weise eines Liedes je nach den verschiedenen Komponisten begünstigen 
sollen. Es ist freilich wahr, daß das ganze Muskelsystem, ja der ganze 
Körper vom Kopf bis zur Zehe gewissermaßen mitsingt. Aber von da 
bis zu solchen „Typen“ ist noch weit; und die Beweisführung erscheint, 
an den Anforderungen einer exakten Experimentalpsychologie gemessen, 
ganz und gar dilettantisch. Vgl. dazu A. Guttmann (Lit.-Verz.), Ley- 
hausen (Arch, f. d. ges. Psych. Bd. 30. 1913), Gebhardt (daselbst Bd. 50. 
1925). Auch die damit in Verbindung stehenden Sie vers sehen Draht¬ 
figuren, deren Anblick den Sänger zum richtigen, stilgemäßen Vortrag 
eines Liedes anleiten soll, kann ich leider nur als eine unbegreifliche Selbst¬ 
täuschung des berühmten Germanisten und Phonetikers einschätzen.
        

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