Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Sprachlaute: Experimentell-phonetische Untersuchungen nebst einem Anhang über Instrumental-Klänge
Person:
Stumpf, Carl
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit8526/353/
342 13. Kap. Psychophysik der Sprachlaute. 
für den Grundton c2 nur Obertöne von c3 an zur Verfügung stehen. 
Die hellsten Vokale aber verlieren ihre richtigen Unterformanten, 
die ja bei 0 und U liegen, und nähern sich einander, teils weil die 
Unterformanten wesentlich zur Unterscheidung beitragen, teils 
weil in der für diese Vokale entscheidenden Gegend von b3 bis 6 4 
schon für den Grundton c2 nur noch 4 Teiltöne liegen, deren Stärke¬ 
verhältnisse durch die Mundresonanz nicht mehr genügend für die 
Unterscheidung dieser beiden, ohnehin nicht sehr verschiedenen 
Vokale abgestuft werden können. So gleichen sich die Extreme 
den mittleren Vokalen an. Diese selbst aber werden mit dem 
Hinauf rücken des Grundtones über c2 immer unkenntlicher. Denn 
immer mehr schieben sich die großen Abstände zwischen den ersten 
Teiltönen (Oktave, Quinte, Quarte) über die Formantgegenden, 
so daß in diese zuletzt fast nur noch Lücken fallen. Für den Grund¬ 
ton c3 sind nur noch c4, g4 und allenfalls c5 disponibel. Damit lassen 
sich aber die Ausgaben des Vokalbudgets nicht bestreiten. 
Da die beiden hier besprochenen Tatsachengruppen notwendige 
Folgen der Zusammensetzung der Vokale aus harmonischen Teil¬ 
tönen sind, dagegen für die Theorie der unharmonischen Formanten 
unverständlich bleiben müssen, so ist damit wieder ein Beweis für 
die erste Lehre geliefert. 
9. Der Vokalcharakter der Abbauprodukte. 
Diese bei den Interferenzversuchen zu beobachtende Tatsache 
und die analogen Erscheinungen bei wachsender Entfernung der 
Schallquelle oder Störungen der äußeren Schalleitung oder der 
Gehörperzeption1) kann man nicht etwa einfach aus der all¬ 
gemeinen Einstellung des Beobachters auf Vokale herleiten. Denn 
bei Lückenversuchen treten doch gelegentlich instrumentale 
Färbungen auf, obschon die Einstellung auf Vokale gerichtet ist. 
Sie sind nur um so auffälliger. 
Die Erklärung ergibt sich zunächst aus den synthetischen 
Strukturtafeln. Man sieht daraus nicht bloß, daß beim Ab tragen 
der Teiltöne von oben herab immer wieder Vokale, sondern auch 
welche Vokale entstehen müssen. Immer muß natürlich der 
defekte Vokal dunkler sein als vorher, also im Vokaldreieck weiter 
nach links liegen. Aber die hellsten Vokale müssen wegen der 
leeren Strecken direkt in ihre Unterformanten U und 0 übergehen, 
die mittleren, wie Ä und A, durch Zwischenglieder. Zuletzt muß 
!) Bei Entfernung der Schallquellen verschwinden die höheren Töne 
früher als die tieferen (vgl. Tonpsych. I, S. 208ff.), ebenso bei fortschreitenden 
Labyrintherkrankungen (s. o.). Dabei kommen analoge Abbauprodukte 
zum Vorschein, wie in unseren Interferenztabellen.
        

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