Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Sprachlaute: Experimentell-phonetische Untersuchungen nebst einem Anhang über Instrumental-Klänge
Person:
Stumpf, Carl
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit8526/347/
336 13. Kap. Psychophysik der Sprachlaute. 
Man kann sich dies in folgender Weise zurechtlegen. Wir 
bezeichnen Rosa in der Regel nicht als rötliches Weiß, sondern 
als weißliches Rot, auch wenn das Weiß einigermaßen überwiegt. 
Nur wenn es so sehr überwiegt, daß der rote Anteil fast auf Null 
herabsinkt, pflegen wir uns umgekehrt auszudrücken. Der Farben¬ 
ton ist eben für unsere Auffassung das Auffallendere gegenüber 
der tonfreien Seite. So ist es nun auch recht wohl möglich, daß in 
einem guten I die dunkle Unterlage, namentlich der Grundton, 
zentral stärker wäre als der stärkste Ton des Formanten, oder 
daß der ganze Unterformant stärker wäre als der ganze Formant : 
trotzdem würden wir es als I in Anspruch nehmen, weil eben schon 
eine schwache Beimischung aus der Formantgegend, wenn sie nur 
eine gewisse Schwelle überschreitet, die Auffassung nach dieser 
Seite determiniert. Wahrscheinlich walten hier aber auch indi¬ 
viduelle Unterschiede und gibt es Personen, deren E und I die 
Unterformanten besonders stark enthalten, vielleicht auch Per¬ 
sonen, die sie bei objektiv gleicher Stärke subjektiv stärker als 
andere hören. 
b) Unter den Formanttönen bestimmt der stärkste durch 
seine spezifische Vokalvalenz die Nuance des Vokals. Die übrigen 
unterstützen ihn, bringen aber ihre davon abweichenden Valenzen, 
solange sie die richtige Stärke nicht überschreiten, nicht zur 
Geltung. Sie passen sich irgendwie dem herrschenden Formant- 
zentrum an, analog etwa, wie es bei „erzwungenem Mitschwingen“ 
der Fall ist1). Läßt man aber ihre Stärke über den für eine gute 
Synthese erforderlichen Grad hinaus wachsen, so werden sie 
selbständig und verändern die Vokalnuance in ihrem Sinne. Das 
gleiche ist der Fall, wenn sich das Maximum selbst innerhalb des 
!) Vgl. Tonpsych. II, 11 Iff. über die Akkommodation spezifischer 
Energien, die benachbarten Fasern der Grundmembran zugeordnet sind. 
Unmittelbare Nachbarschaft in der Schnecke liegt hier freilich nicht vor. 
Koehler, der die obige Frage schon ins Auge faßt, spricht von einer 
Addition der gleichen Valenzen und einem Unwirksamwerden der abweichen¬ 
den. Dies beruht darauf, daß er für jeden Ton 2 farbige Valenzen annimmt, 
die sich in graduell verschiedener Mischung verbinden, z. B. in der 2- 
gestrichenen Oktave eine mit der Tonhöhe abnehmende O- und eine gleich¬ 
zeitig zunehmende A-Valenz (vgl. o. S. 321). Summiert man mm — so scheint 
er anzunehmen — die in allen Teiltönen des A-Formanten steckenden 
A-Valenzen (wobei ihre Prozentzahlen doch wohl auch mit einem Stärke¬ 
koeffizienten zu multiplizieren sind) und ist die Summe größer als die der 
O-Valenzen, so werden die letzteren unwirksam. Dies könnte man sich 
etwa analog denken wie beim Fäll auf der schiefen Ebene, wo die zur Ebene 
senkrechte Komponente infolge der Maschinenbedingungen ausfällt. Mir 
scheint aber der Tatbestand sowohl in bezug auf die Valenzen als auf ihr 
Zusammenwirken richtiger in der obigen Weise ausgedrückt zu werden.
        

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