Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Sprachlaute: Experimentell-phonetische Untersuchungen nebst einem Anhang über Instrumental-Klänge
Person:
Stumpf, Carl
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit8526/299/
288 11* Kap. Einheitliches und mehrheitliches Hören. 
hohen Elemente da waren, „OTJ mit hohen, mehr isolierten Bestandteilen“; 
als nur as, c3, es3 da waren: „kein A, sondern U mit hohen gellenden Bei- 
tönen; nur wenn man sich künstlich vom Analysieren fernhält, kann man 
auch hier etwa A finden“ (Aussage des Beobachters). Hier gibt es also 
eigentümliche Zwischen- und Mischzustände in bezug auf das einheitliche 
Hören und den Vokaleindruck. (Das Vorkommen gradueller Übergänge 
zwischen ein- und mehrheitlichem Hören hat auch F. Krueger einmal 
im Arch. f. d. ges. Psych. Bd. 1, S. 228 betont und seine Bedeutung für die 
Lehre von den unbemerkten Teilinhalten hervorgehoben.) 
g) Psychologische Faktoren. 
Das einheitliche Hören ist nicht ganz unabhängig vom Willen. 
Beim analysierenden ist dies längst bekannt und liegt offen zutage. 
Aber man kann sich auch auf einheitliches Hören einstellen, kann 
dem Vereinheitlichungsprozeß innerlich entgegenkommen. Auch 
dies ist mir am Hörschlauch meiner synthetischen Einrichtung 
nicht selten aufgefallen. Mit der einheitlichen Einstellung war dann 
zugleich eine Vokalfarbe gegeben, mit der mehrheitlichen ver¬ 
schwand sie. Freilich muß alles übrige, die Klangzusammensetzung 
usw., in günstigem Sinne vorbereitet sein, wenn dieser psychische 
Faktor wirken soll. Es ist nur wie das Schließen einer Klappe. 
Aber noch ein anderer, gewissermaßen entgegengesetzter psy¬ 
chischer Faktor dürfte mitwirken: die Gewöhnung. Helmholtz 
hat das Prinzip aufgestellt, daß Sinnesempfindungen, die regel¬ 
mäßig zusammen auftreten und gerade in dieser Vereinigung eine 
bestimmte Funktion für unser Bewußtsein, insbesondere für die 
Erkenntnis der Außenwelt haben, dadurch zu einem Ganzen 
werden, das wir nur mit Mühe wieder in seine Teile auflösen können. 
Die Anwendungen, die er davon auf das Heraushören der Ober¬ 
töne und auf die Wahrnehmung der Doppelbilder der beiden 
Augen macht, sind zwar schweren Einwürfen ausgesetzt, und 
im ersteren Falle hat er sie sogar selbst in den späteren Auflagen 
der „Lehre v. d. Tonempf.“ stillschweigend wieder gestrichen. 
Aber das Prinzip als solches läßt sich wohl vertreten. In unserem 
Falle sind es wieder namentlich die 3 hellsten Vokale Ü, E, I, 
auf die ich es an wenden möchte. Es ist hier besonders merkwürdig, 
daß Unterformant und Formant, zwischen denen eine weite Null¬ 
strecke liegt, als ein Klang gehört werden. Man kann auf die 
Schwäche der Unterformanten hinweisen. Aber schwächere tiefe 
Töne pflegen sich neben stärkeren hohen Tönen immerhin leicht 
geltend zu machen. Ich möchte daher glauben, daß hier wirklich 
die lebenslängliche Gewöhnung mit im Spiele ist1 *). 
1) Viele der jetzt in Berlin gebräuchlichen Automobilhupen geben ein 
Signal, das man als ein tiefes, aber zugleich schneidend scharfes U bezeichnen 
möchte. Bei einiger Aufmerksamkeit entdeckt man darin einen vom Grund- 
ton weit abliegenden, der 4- oder 5-gestr. Oktave angehörigen starken Ton,
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.