Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Sprachlaute: Experimentell-phonetische Untersuchungen nebst einem Anhang über Instrumental-Klänge
Person:
Stumpf, Carl
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit8526/289/
278 11- Kap. Einheitliches und mehrheitliches Hören. 
Daß niemals zwei Erscheinungen oder Funktionen im normalen Be¬ 
wußtsein zusammen gegeben sind, ohne durch irgendeine, sei es auch nur 
sehr lose, Beziehung zu einem Ganzen verknüpft zu sein, und daß dieses 
Ganze nicht identisch ist mit der bloßen Summe seiner Teile, ist eine alte 
Erkenntnis. Aber seit den letzten Dezennien sind die Eigenschaften, die 
einem Ganzen als solchem zukommen, immer mehr beachtet und diskutiert 
worden. F. Krueger hat wohl zuerst den Ausdruck „Komplexqualität“ 
eingeführt (Wundts Psychol. Studien Bd. 2, S. 221. 1906), v. Ehreneels 
den Ausdruck „Gestaltqualität“ (Vierteljahrsschr. f. wiss. Philosophie 
Bd. 14, S. 249. 1890). Beide Forscher knüpften daran Betrachtungen, von 
denen namentlich die über Gestaltqualitäten folgenreich geworden sind. 
Die im Text vorgetragene Abgrenzung zwischen dem Begriff des Komplexes 
und dem der Gestalt ist in dieser Form bisher meines Wissens nicht vor¬ 
genommen worden, scheint mir aber im Interesse der Klarheit notwendig 
zu sein. Ich würde daher beispielsweise Klangfarben nicht (mit v. Ehrenfels 
und Cornelius) als Gestaltqualitäten, ebensowenig (mit Krueger) Konsonanz 
und Dissonanz als Komplexqualitäten definieren. Wir setzen ferner für 
„Qualitäten“ hier den allgemeineren und farbloseren Ausdruck „Eigen¬ 
schaften“, da unter den Eigenschaften eines Klanges, auch denen eines 
Vokals, doch wieder seine Qualität als eine neben anderen Eigenschaften 
unterschieden werden muß. In die stark angeschwollene sachliche Diskussion 
treten wir hier nur insoweit ein, als es die vorliegende Angelegenheit erfordert. 
Viele Bemerkungen über Komplexeigenschaften (Gesamthelligkeit, Ge¬ 
samtstärke) findet man neuerdings bei Werner. 
Vokale, wie überhaupt Klänge mit Obertönen, sind klassische 
Beispiele ungegliederter Komplexe im gewöhnlichen Wahrneh¬ 
mungsleben, Klangfarben klassische Beispiele von Komplex¬ 
eigenschaften. Denn wenn durch eine Summe objektiv gegebener 
Töne ein Vokal für das Gehör entstehen soll, so ist eine Voraus¬ 
setzung dafür, daß die Komponenten nicht als einzelne Töne für 
sich bemerkt, sondern nur als ein undifferenziertes Ganzes gehört 
werden. Sobald ich auch nur einen einzigen Ton heraushöre, 
ist der Gesamteindruck als solcher alteriert. Man hört das Ganze 
zwar neben dem Teilton fortklingen, und wenn dieser nur ein 
schwacher und unwesentlicher Klangteil ist, so wird die Klang¬ 
farbe auch nicht erheblich verändert. Ist es aber ein stärkerer, 
oder sind es gar mehrere starke Töne, so ist die Klangfarbe als 
solche zerstört. Auch die Formanttöne der Vokale entfalten ihre 
volle Wirkung nur unter der Bedingung, daß sie nicht für sich 
wahrgenommen werden, und nur solange dies der Fall ist1). Er- 
1) Koehler sagt allerdings (1, Vorl. Mitt. S. 101): Durch Heraushören 
der Formanttöne „verändert sich der nebenbei gehörte Gesamtklang des 
gesungenen Vokals gar nicht sehr deutlich; sondern neben oder über ihm, 
gewissermaßen heraustauchend,, erklingt nur auch noch der betreffende 
Teilton“. Aber dies dürfte nur für den ersten Augenblick zutreffen. Bei 
längerer Dauer der Beobachtung und konzentriertem Beachten der Teil¬ 
töne wird der Vokal für mich alteriert oder ganz zerstört. (Vgl. Tonpsych. 
II, S. 529 und Mach, daselbst.)
        

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