Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Sprachlaute: Experimentell-phonetische Untersuchungen nebst einem Anhang über Instrumental-Klänge
Person:
Stumpf, Carl
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit8526/271/
260 10- Kap. Systematik der Sprachlaute vom akustischen Standpunkte. 
Auffallend ist aber in Gutzmanns Diagrammen (bei Pielke 1), daß die 
Formanten bei A, E, I außerordentlich schwach herauskommen. Im Ver¬ 
hältnis dazu sind die Amplituden der beiden ersten Teiltöne oder des einen 
von ihnen ganz enorm, was allen sonstigen Kurvenaufnahmen wie auch 
unseren Befunden widerspricht. Der Gegensatz der hohen und tiefen Teil 
töne wächst noch, wenn man statt der Amplituden Intensitäten (a2 n2) 
setzt. Bei dem gedeckten A auf cs1 z. B. verhält sich die Amplitude des 
Grundtons zu der des Formantzentrums b2 wie 59,6:3, die Intensität sogar 
wie 320:7,3. Dieses verdächtige Ergebnis dürfte in der Membran des 
Apparates seinen Grund haben. Infolge dieser Erwägungen ist wohl auch 
der Unterschied zwischen dem Verhältnis des 1. und 2. Teiltons bei offenem 
und gedecktem Singen nicht so groß anzunehmen, wie er in den Diagrammen 
erscheint; doch dürfte es im allgemeinen damit seine Richtigkeit haben. 
In den Lehrbüchern der Gesangskunst konnte ich, soweit sie mir bekannt 
wurden, nirgends eine akustische Definition des Unterschiedes finden, auch 
nicht in J. Stockhausens „Gesangstechnik“, — überall nur Beispiele. Nur 
der alte M. Gahcia, der die heutigen technischen Ausdrücke dafür noch 
nicht gebraucht, bezeichnet den Unterschied als den einer hellen und einer 
dunklen Klangfarbe (timbre clair—sombre). Freilich hebt auch er nicht 
hervor, daß damit eben die Vokalität selbst sich ändere. Es schweben ihm 
mehr ästhetische Kategorien vor: die helle Stimmform werde jenseits fis1 
imangenehm kreischend, während die dunkle einen runden, edlen, lieb¬ 
lichen Ton erzeuge. 
Übrigens gibt es in der ganzen phonetischen Literatur kein Kapitel, 
worin die Definitionen und der Sprachgebrauch so durcheinander gehen 
wie bezüglich der Unterschiede der Stimmgebung und der Stimmregister. 
Am meisten schwankt der Ausdruck „Kopfstimme“, den manche, wie 
selbst der verdiente Gesangsprofessor G. Engel sehr unsachgemäß mit 
„Falsett“ Zusammenlegen. Vgl. Nadolecznys Übersicht S. 642. 
Bei der Frauenstimme kommt eine Art Deckung nur für die 
tiefere Lage, bis gegen die Mitte der 1-gestrichenen Oktave vor. 
Für die in hohen Lagen angewandte „Kopfstimme“, die eine 
gewisse Analogie zur Deckung bietet, fand Sokolowsky schwächere 
Obertöne als bei der Bruststimme. Garten gibt an (3, VIII., S. 20), 
dabei höhere Formanten gefunden zu haben ; was bedeuten würde, 
daß die Vokale (wahrscheinlich handelte es sich nur um U, O, A) 
heller gegeben wurden. Aber hier treten ohnedies unvermeidliche 
Veränderungen der Vokale ein, gegen die auch kein Register¬ 
wechsel mehr helfen kann. 
Das Ganze ist sonach nur eine Angelegenheit der Stimm¬ 
technik, nicht eigentlich der Vokaltheorie. Den Vokalen wird da¬ 
durch keine neue Dimension und keine neue Klasse hinzugefügt, 
wie es etwa bei den nasalierten Vokalen der Fall ist. Gesangs¬ 
theoretisch bleibt es bemerkenswert, daß die vom Sänger tatsäch¬ 
lich hervorgebrachten Vokale in der Höhe nur durch besondere 
Maßregeln mit den vom Text vorgeschriebenen und vom Sänger 
selbst intendierten in Übereinstimmung gebracht werden und 
Ruch mit diesen Maßregeln noch kleineren Abweichungen aus-
        

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