Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Sprachlaute: Experimentell-phonetische Untersuchungen nebst einem Anhang über Instrumental-Klänge
Person:
Stumpf, Carl
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit8526/26/
Stärkeschätzungen. 
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Unsere Klassifikation unterscheidet sich aber von vielen 
anderen dadurch, daß sie nicht darauf ausgeht, eine Skala von 
gleich weit abstehenden Graden herzustellen. Die Hellig¬ 
keitsunterschiede aufeinanderfolgender Sternklassen sind schät¬ 
zungsweise gleich groß (Fechner). Von unseren Stärkeunter¬ 
schieden soll dies aber nicht behauptet werden. Vielmehr würde 
ich sagen, daß die Abstände zwischen 2 benachbarten Stufen von 
der untersten zur obersten hin immer kleiner werden. Ebendarum 
wurden bei den untersten Klassen auch noch vielfach Zwischen¬ 
stufen eingeschaltet, namentlich gegen die Nullgrenze hin, während 
von 1 ab fast immer nur eine Zwischenstufe genügte; und zwar 
kamen solche zwischen 1 und 2, 2 und 3 noch häufig vor, zwischen 
den höheren Graden aber immer seltener. Unsere Zahlen sind 
daher gewissermaßen nur Ordnungszahlen. Die Stärke 4 soll 
nicht das Doppelte der Stärke 2, der Abstand von 4 zu 2 nicht 
das Doppelte des Abstandes von 2 zu 1 bedeuten. 
Die Anwendung dieser Kategorien erfolgte ebenso wie die der 
entsprechenden musikalischen (pp, p usw.) nach sozusagen im¬ 
pressionistischen Gesichtspunkten. Die Intensitäten unserer Sinnes¬ 
empfindungen bilden zwar in sich selbst eine durchaus homogene 
stetige Reihe, sind aber an bestimmten absoluten Punkten ihres 
Verlaufes mit charakteristischen Wirkungen auf das Bewußtsein 
und das Nervensystem verknüpft, durch die diese Punkte sich 
auszeichnen und wiedererkannt werden, pp oder 1 ist ein sehr 
schwacher Eindruck, der aber bei äußerer Ruhe schon gut und 
ohne Anstrengung der Aufmerksamkeit hörbar ist. p oder 2 eine 
Stärke, die erheblich darüber, aber noch im Gebiet des ,,Leisen“ 
liegt, mf oder 21 */2 ist schon kräftig, aber in keiner Weise angreifend. 
Hier liegt die Grenze der beiden großen Stärkezonen „Leise“ und 
„Laut“, in die wir die Schälle ordnen1). Dagegen f oder 3 ist schon 
der erste Anfang des „Gellens“, ein Stärkegrad, der auf die Dauer 
dem Ohre doch lästig fallen, es angreifen würde. 4 und 5 endlich 
bedeuten weitere Schritte auf dieser Bahn, die sprachlich als „sehr 
stark“ bzw. „enorm stark“ auszudrücken wären. Zuweilen notierte 
ich sogar 6, d. h. extrem stark. Unterhalb der Stärke 1 bedeutet x/8 
einen eben (aber unzweifelhaft) merklichen, 1/4 einen eben über¬ 
merklichen Ton, 1/2 und 3/4 weitere Stufen zu dem gewöhnlichen 
pp hin. 
1) Bosanqtjet rechnete 5 seiner 10 Grade zu den „lauten“, 5 zu den 
„leisen“. 
Unter den Tempi bildet das Andante, das Tempo des gemächlichen 
Gehens, die neutrale Mitte zwischen den schnellen und langsamen. Solche 
subjektive Gradbestunmungen scheinen überall absolute Mitten zwischen 
entgegengesetzten Polen einzuschließen.
        

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