Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Sprachlaute: Experimentell-phonetische Untersuchungen nebst einem Anhang über Instrumental-Klänge
Person:
Stumpf, Carl
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit8526/252/
Ohrenärztliche Erfahrungen. 
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Zunächst schien allerdings sowohl in den Stru yckensehen als den 
'CiiAUSschen Fällen die obere Hörgrenze regelmäßig um einige Töne höher 
zu liegen, als nach unserer Tabelle zu erwarten war ; aber es standen damals 
in dieser Tabelle unpraktischerweise nur die unter Berücksichtigung der 
If.-Breite reduzierten oberen Hörgrenzen für Flüstergeräusche. Achtet man 
auf die den If.-Einstellungen direkt entsprechenden oberen Grenzen für 
Töne, die in die gegenwärtige Form der Tabelle mit aufgenommen sind, 
so verschwinden diese Abweichungen. Ein Patient, der die über einer 
bestimmten Grenze liegenden Teile der Flüstergeräusche nicht mehr ver¬ 
nimmt, mag doch immerhin auf so starke Einwirkungen, wie es die durch¬ 
dringenden Longitudinaltöne des STRUYCKENschen Monochords und die 
Pfiffe der Galtonpfeife zwischen 5000 und 7000 Schw. sind, noch um einige 
Tonstufen höher hinauf reagieren. Die letztere muß bekanntlich überhaupt 
stark, rasch und kräftig angeblasen werden, wenn nicht irreführende tiefere 
„,Schneidentöne“ entstehen sollen. 
Das Herabrücken der oberen Tongrenze geht nach Claus (S. 298) nicht 
unbedingt und einfach parallel mit dem Verschwinden der Perzeptions¬ 
fähigkeit für Flüsterlaute. Dies dürfte, soweit nicht Tonlücken in Betracht 
kommen, teils mit einer allgemeinen Gehörsschwächung, teils damit Zu¬ 
sammenhängen, daß beim Verständnis der Flüstersprache noch so manche 
psychische Bedingungen und Unterschiede mitspielen, die auf die Ton- 
wahrnehmung nicht oder weniger von Einfluß sind. Doch wurde von den 
Claus sehen Patienten die Flüstersprache allgemein nicht mehr verstanden, 
sobald die Tongrenze unter c4 herabgesunken war; was mit unserer Tabelle 
;S. 13:3 vollkommen stimmt. 
Über die Prüfung mit stimmhaften Sprachlauten berichtet Claus: 
.„War die obere Tongrenze bis auf c4 eingeschränkt, so wurden alle Vokale 
mit Ausnahme des I gehört; sank sie jedoch bis auf g3, so wurden I und E 
nicht mehr vernommen [verstanden]. Ging sie noch weiter herunter, etwa 
bis /2, dann war gewöhnliche Konversationssprache nicht mehr verständ¬ 
lich.“ Dies ist nur zu erwarten. Abweichungen dürften hier hauptsächlich 
dadurch entstehen, daß nicht bloß Gehörverlust für die hohe Region, 
sondern zugleich eine allgemeine Gehörsschwächung vorzuliegen pflegt, 
wenn zur Prüfung mit stimmhafter Sprache geschritten wird. Darin liegt 
ein wesentlicher Unterschied gegenüber den Bedingungen unserer Versuche, 
wo unterhalb der jeweilig ausgeschlossenen höheren Klangteile alles un¬ 
versehrt blieb oder wenigstens die Schwächung nur minimal war. 
Bemerkenswert ist noch, daß sowohl bei der geflüsterten wie der stimm - 
haften Sprache in den ClAussehen Fällen das A auch bei weit herabgerückter 
Tongrenze, wenn selbst O und U nicht mehr verstanden wurden, noch er¬ 
kennbar blieb. Wieder ein Zeichen jener merkwürdigen Widerstandsfähig¬ 
keit dieses Lautes, von der wir schon mehrfach hörten. Hier dürfte besonders 
die größere Schallkraft1) den Ausschlag gegeben haben. Aber es müssen 
4) A wird nach Claus unter den Flüstervokalen am weitesten gehört. 
Bei meinen If.-Versuchen bemerkte ich vielfach, daß starkes Flüster-A 
und Sch durch die Wand gehört wurden, weshalb hier leisere Schallgebung 
oder Verlängerung der Leitung bis ins übernächste Zimmer erforderlich war. 
Dies entspricht auch den bekannten Beobachtungen von O. Wolf (Sprache 
und Ohr, 1871) über die Hörweite der Sprachlaute, wonach unter den 
Vokalen A, unter den Konsonanten Sch am weitesten gehört wird. Damit 
stimmen auch Versuche von H, Ruedeeee (Üb. d. Wahrnehmung des 
gespr. Wortes, Diss. München. 1916, S. 20) überein. 
Stump fSprachl aute. 
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