Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Sprachlaute: Experimentell-phonetische Untersuchungen nebst einem Anhang über Instrumental-Klänge
Person:
Stumpf, Carl
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit8526/245/
234 9. Kap. Phonographische, telephonische, ohrenärztliche Beobachtungen. 
II. Erfahrungen und Versuche in der Telephonie. 
Nachdem Du Bois-Reymond, H. Fr. Weber und Helmholtz 
mathematisch gezeigt hatten, daß bei der telephonischen Über¬ 
tragung nicht bloß Phasen-, sondern auch Amplitudenverschie¬ 
bungen eintreten müssen, hat Hermann 1891 (Bd. 48) diese 
Schlüsse weiter verfolgt und mit Beobachtungen verglichen. Die 
letzteren faßt er dahin zusammen, daß tatsächlich wesentliche 
Veränderungen der musikalischen Klangfarbe eintreten, die Sprache 
aber unverändert bleibe. Also, schloß er, ist das Amplitudenver¬ 
hältnis der Teiltöne ohne jede Bedeutung für den Vokalcharakter. 
,,Jede Theorie, welche . . . auf Verstärkungsgebiete in den Ober¬ 
tönen des Stimmklanges u. dgl. großen Wert legt, scheint mir 
mit den Erfahrungen am Telephon und Mikrophon unvereinbar.“ 
Genauer betrachtet, lassen aber seine eigenen Beobachtungen 
diese „Unzerstörbarkeit der Sprach 1 aute“, die auch 
Jaensch noch 1913 behauptete, in etwas bedenklichem Licht er¬ 
scheinen. „Am sichersten unter allen Vokalen erkennbar ist A. 
Die Vokale E, I, Ä, Ö, Ü werden sehr leicht miteinander ver¬ 
wechselt, dagegen fast niemals mit A, 0 oder U. 0 wird mit U 
leicht verwechselt, fast nie einer dieser Vokale mit A“ (S. 558). 
Hermann scheint für diese Verwechselungen nur die geringe ab¬ 
solute Intensität haftbar zu machen (,,A verschwindet als offenbar 
lautester Vokal zuletzt“). Aber zunächst wird man doch gerade an 
die Verschiebung der Amplitudenverhältnisse denken. Jedenfalls 
sprechen seine eigenen Beobachtungen eher gegen als für seine 
Schlußfolgerung. 
Auch Max Wien kam 1905, in Anbetracht der Intensitäts¬ 
verschiebungen von Teiltönen (Begünstigung der höheren Töne 
durch die Telephonmembran, auch bei größerer Entfernung vom 
Ohre oder bei elektrischer Beeinflussung der Telephonströme), die 
gleichwohl die Verständlichkeit der Sprache nicht aufheben, zu 
dem Schluß, daß die Teiltontheorie der Vokale durchaus unzu¬ 
länglich sei. Andere noch nicht hinreichend erforschte Dinge, für 
die das Ohr eine erstaunliche Empfindlichkeit besitze, müßten 
wesentlicher sein als die Teiltonintensitäten. Aber hier dürfte 
die außerordentliche Interpretationskunst des erwachsenen Men¬ 
schen gegenüber sinnvoll zusammenhängender Rede seiner Mutter¬ 
sprache übersehen sein. Zu Versuchen dieser Art eignen sich 
daher nur einzelne Sprachlaute oder sinnlose Silben. Aber selbst 
bei diesen kommt in Betracht, daß ein Sprachlaut nicht ein völlig 
scharf definiertes Phänomen, sondern einen Typus darstellt, 
innerhalb dessen gewisse, oft recht beträchtliche Verschiebungen
        

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