Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Sprachlaute: Experimentell-phonetische Untersuchungen nebst einem Anhang über Instrumental-Klänge
Person:
Stumpf, Carl
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit8526/237/
226 8. Kap. Die Entwicklung der Vokalforschungen. 
Mit dieser Wendung, die für die Beobachtungsfähigkeit des Verfassers 
ein gutes Zeugnis ablegt, nähert er sich ganz wesentlich der richtigen Er¬ 
kenntnis des Sachverhaltes. Nicht der Formant für sich, sondern sein 
Zusammenwirken mit tieferen Tönen und einem Grundton schafft die 
Vokalität. Ihr Träger ist das Klangganze bzw. der Grundton, auf dessen 
Höhe die des Klangganzen bezogen wird. Wir kommen aber dann eben 
auf die hier vertretene Auffassung zurück. Die ganze Methode ist nur 
eine Scheinsynthese, eine sehr künstliche, unter den bisherigen die künst¬ 
lichste, Art von Nachahmung der Vokale, deren Wesen dadurch mehr 
verhüllt als aufgehellt wird. Daß bei einer so komplizierten Schallerzeugung 
auch unharmonische Teiltöne herauskommen, ist gewiß nicht unmöglich. 
Aber wir haben ja hervorgehoben, daß einzelne Töne dieser Art unter 
den höheren Klangbestandteilen die Vokalität nicht notwendig beein¬ 
trächtigen, unter Umständen sogar dazu mitwirken. Nur die Hauptmasse 
des Klanges und besonders die tieferen Teiltöne müssen bei einem voll¬ 
kommenen Vokal harmonisch sein. 
3. ter Kuiles Versuche. 
Obgleich die von ter Kuile auf höchst einfache Weise her¬ 
gestellten künstlichen Vokale ungleich näher als die Jaenschs an die 
natürlichen herankommen, können wir darüber nicht anders urteilen. 
Er erzeugte sie dadurch, daß er an eine Schachtel von der Größe, 
wie sie zur Aufbewahrung von Visiten- oder Brief karten dienen, 
ein Korkstückchen anleimte und dieses durch eine schwingende 
Stimmgabel berührte. Ich erhielt auf diese Art mit einer elektrisch 
angetriebenen Gabel von 200 Schw. durch passende Auswahl der 
Kartons, auch mit den von Herrn ter Ktjile bereitwilligst über¬ 
sandten Kästen, ein deutliches nasaliertes Ä, ein nasaliertes OA und 
ein ziemlich gutes A. Man kann so, wie ter Kuile selbst bemerkt, 
auch eine heisere Stimme mit fast komischer Naturtreue nachahmen, 
wrenn die Gabel dem Karton zu nahe gebracht wird1). Die Ein¬ 
richtung gehört zu den zweckmäßigsten, wenn sie keine theoretische 
Bedeutung beansprucht. Aber ter Kuile gründet gerade darauf 
eine Theorie, die wieder von Hermanns Grundannahmen ausgeht 
und die Vokale auch wieder unter die Geräusche einreiht. 
In diesem Falle habe ich (mit den Herren Abraham, v. Allesch, 
Baley, v. Hornbostel als Mitbeobachtern) das If.-Verfahren an¬ 
gewandt, vor allem für das A auf dem Grundton 200 = gis. Der 
Vokal läßt sich natürlich wie ein gesungener ab- und aufbauen, 
auch mit Lückenversuchen prüfen. Es fand sich, daß er im wesent- 
!) Ein ähnlicher Versuch ist schon in m. Tonps. II, 535 beschrieben: 
,.Wenn man eine angeschlagene cd-Gabel auf ein den Tisch nur lose be¬ 
deckendes oder sich wulstförmig darüber erhebendes Blatt Papier aufsetzt, 
so wird der Ton näselnd, leicht schnarrend, und nähert sich dem einer 
Oboe oder eines gewöhnlichen Zungenstimmpfeifchens. Man kann auch 
einen Anflug von Heiserkeit darin finden.“
        

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