Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Sprachlaute: Experimentell-phonetische Untersuchungen nebst einem Anhang über Instrumental-Klänge
Person:
Stumpf, Carl
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit8526/200/
Unharmonische Teiltöne. 
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Verhängnisvoller wird die Einfügung tieferer, d. h. zwischen 
den harmonischen Teiltönen von niedrigen Ordnungszahlen lie¬ 
gender, unharmonischer Beitöne. Hier müssen aber zunächst ge¬ 
wisse Fälle ausgeschieden werden, in denen es sich nur scheinbar um 
unharmonische Beitöne handelt. Wenn man in den künstlichen 
Vokal A auf c1 die Töne g1 oder e2 oder beide einfügt, die in dessen 
Obertonreihe nicht enthalten, also zu c1 unharmonisch sind, 
so ist die Wirkung einfach die, daß der Grundton um eine Oktave 
hinabspringt : man hört wieder ein gutes A, aber auf c. Denn dieser 
Ton wird jetzt als subjektiver Differenzton gebildet. Zu ihm aber 
sind die neuen Teiltöne harmonisch; wir haben jetzt die Reihe 
c, c1, g1, c2, e2, g2, c3 usf. Solche Fälle also müssen hier ausscheiden1). 
Fügt man nun beliebige andere unharmonische Teiltöne ein, 
so können Schädigungen in mehrfacher Richtung entstehen, 
und es ist kein Fall denkbar, wo nicht eine oder mehrere davon 
eintreten müssen: 
1. Wenn der unharmonische in der Nähe von reell vorhandenen 
harmonischen liegt, so schwebt er mit diesen und bringt dadurch 
eine Unebenheit oder Rauhigkeit in den Klang, wie sie den natür¬ 
lichen Vokalen bei normaler Stimmbeschaffenheit nicht eigen zu 
sein pflegt. 
2. In allen Fällen entsteht ein mehr oder minder ausgeprägter 
Übelklang, der von der Rauhigkeit der Schwebungen noch zu 
unterscheiden ist und sich namentlich dem musikalischen Hörer 
fühlbar macht, auch ohne daß er den Klang analysiert. Beob¬ 
achtungen haben gelehrt2), daß dem Dur-Dreiklang und seinen 
Derivaten (Um- und Weitlagerungen) auch für Unmusikalische 
oder in homophoner Musik Aufgewachsene (Asiaten, Naturvölker) 
ein gewisser Reiz innewohnt, der ihn vor allen anderen Zusammen¬ 
klängen auszeichnet. Die Zusammensetzung aus harmonischen 
Teiltönen, von denen die ersten 6 den reinen Dur-Dreiklang nebst 
tieferen Oktaven des Grundtons und der Dominante geben, er¬ 
teilt daher den Vokalen auch im unanalysierten Zustande einen 
Vorzug, an den wir zwar gewöhnt sind, dessen Wegfall wir aber 
unliebsam empfinden würden. Natürlich bleibt ein Unterschied 
gegenüber einem Akkord („Konkord“), bei dem in der Regel die 
x) An diesem Fehler leiden die schon von v. Wesendonk versuchten 
Kombinationen unharmonischer Teiltöne. Wenn man in seinen Beispielen, 
welche alle ein A geben sollen (/1 f2 b2 /3; fis2 a2 d3 fis3; a2 d3 a3; a2 fis3 a3), 
die Differenztöne h — t und 2 t—h berechnet, die stark herauskommen 
müssen, so ergeben sich regelrechte durchweg harmonische Teiltonreihen 
auf den Grundtönen B, d und d1. Es ist also nichts damit zu beweisen. 
2) Vgl. z. B. Tonpsych. II, S. 264 und „Musik der Siamesen“ in m. 
„Beitr. z. Akust. u. Musikwiss.“, Heft 3, S. 106. 1901.
        

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