Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Sprachlaute: Experimentell-phonetische Untersuchungen nebst einem Anhang über Instrumental-Klänge
Person:
Stumpf, Carl
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit8526/101/
90 4. Kap. Das Sprechen und dessen Abbau durch das If. - Verfahren. 
gleichmäßig ausgehalten: Dehnungen, zu welchen auch das affekt- 
vollste Sprechen keinen Anlaß bietet. Einen bemerkenswerten 
Unterschied ergibt dabei die Behandlung der vokalischen Di¬ 
phthongen: es ist bei solcher Dehnung unmöglich, ihre beiden 
Hauptbestandteile gleichmäßig zum Hechte kommen zu lassen, 
und auch ihr Übergang ineinander kommt zu kurz. Wenn etwa 
der Müllerbursche bei Schubert singt: „Die geliebte Müllerin ist 
mein!“ und das „mein“ bei mäßiger Geschwindigkeit U/2 Takte 
lang aushält, so kann er dabei nur den Vokal A singen und wird 
erst ganz am Schlüsse mit einem äußerst verkürzten I zum N über¬ 
gehen. Und so wird überhaupt das für das Sprechen so wesentliche 
Überschleifen der Sprachlaute ineinander beim Singen zugunsten 
der einfachen Vokale reduziert. Aber da wir die Diphthongen 
überhaupt außer Betracht lassen, brauchen uns auch diese Modi¬ 
fikationen hier nicht zu kümmern. 
Hermann formulièrt das Verhältnis zwischen Singen und 
Sprechen einmal kurz so (Bd. 58, S. 258): „Der Unterschied 
zwischen gesungener und gesprochener Artikulation liegt ganz 
ausschließlich darin, daß Notenhöhe, Intensität und Dauer der 
Silben, genauer der Vokale, beim Gesang durch Melodie und Takt, 
beim Sprechen durch die Betonungsgesetze des Sinnes und der 
Konstruktion beherrscht werden.“ Bis auf das „ganz aus¬ 
schließlich“ ist diese Grenzziehung richtig und geht sogar in ge¬ 
wissem Sinne noch tiefer auf das Wesen der Sache. Aber die ver¬ 
schiedenen Gesetzlichkeiten bringen eben den von uns und schon 
von den alten Griechen1) hervorgehobenen sinnenfälligen Unter¬ 
schied in der Haltung und Veränderungsweise der Klänge mit 
sich. Voll zustimmen können wir Hermann, wenn er fortfährt: 
„Bei einem einzelnen Vokal kann also absolut kein Unterschied 
zwischen Gesungenem und Gesprochenem gesucht werden. Ein 
lautes A hat, ob gesungen oder gesprochen, stets irgendeine Noten¬ 
höhe, nur mit dem Unterschiede, daß dieselbe im ersteren Falle 
bestimmt beabsichtigt, im zweiten dem Zufall oder der Gewohnheit 
überlassen wird. Jeder kann sich leicht überzeugen, daß er, wie er 
auch den Vokal A ausgesprochen habe, sofort mit demselben in 
einer Tonleiter fortfahren kann; d. h. das gesprochene A erweist 
sich zugleich als gesungenes.“ 
x) So von Aristoxenus, Ptolemaeus, Bacchius, Gaudentius. Vgl. 
Bellermann: Die Größe der musikalischen Intervalle, 1873, S. 3ff., und 
des Verfassers „Geschichte des Konsonanzbegriffes“ (Abh. d. bayrischen 
Akad. d. Wiss. 1897). 
Unter den neueren Phonetikern hat auch Auerbach (4, S. 157) die 
Unterscheidung in gleichem Sinne besprochen.
        

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