Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Sprachlaute: Experimentell-phonetische Untersuchungen nebst einem Anhang über Instrumental-Klänge
Person:
Stumpf, Carl
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit8526/100/
Singen und Sprechen. 
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Beim Singen darf kein Ton, auch der leiseste nicht, so ,,unter den 
Tisch fallen“, daß seine Tonhöhe undeutlich wird. Aber wer es 
darauf anlegt, kann auch bei Gesprochenem, wenigstens an akzen¬ 
tuierten Stellen, Tonhöhen und Intervalle jederzeit fest stellen 
(Sprachmelodie). Ein prinzipieller und durchgreifender Unterschied 
in den akustischen Grundeigenschaften als solchen existiert nicht. 
Daß auch in zeitlicher und rhythmischer Hinsicht das 
gewöhnliche Prosasprechen sich weniger an feste Formen bindet 
als das Singen, verschärft den Unterschied in den extremen 
Formen. Doch gibt es auch hierin Annäherungen von beiden 
Seiten her. 
Selbst in der Klangfarbe liegen gewisse Unterschiede. Helm¬ 
holtz vermutet (S. 183), und wohl mit Recht, daß beim Sprechen 
durch stärkeren Druck der Stimmbänder gegeneinander eine knar¬ 
rende Klangfarbe, d. h. stärkere (und höhere, rasch miteinander 
schwebende) Obertöne als beim Singen gegeben werden. Die Folge 
hiervon muß sein, daß auch die Formanten der Vokale kräftiger 
als beim Singen hervortreten, zugleich aber auch, daß die Vokale 
außer U alle durchschnittlich etwas heller werden. Pipping (4, 
S. 173) hat dies durch Kurvenaufnahmen bei finnischen Vokalen 
bestätigt. Zum Teil beruht der Unterschied der Klangfarbe aber 
auch auf beigemischten Geräuschen, mögen sie auf dem von Helm¬ 
holtz angedeuteten Wege oder sonstwie zustande kommen. Bei 
vielen Sprechstimmen erreichen diese Geräusche eine außerordent¬ 
liche Stärke, die das Singen ganz unmöglich machen würde, und 
doch bleiben sie noch verständlich. 
Neuerdings hat Isserlin auf objektivem Wege, durch Aus¬ 
zählung der Zacken von Vokalkurven, gezeigt, daß in der lebendigen 
Sprache mit der Tonhöhe auch die Klangfarbe der Vokale stetigen 
Veränderungen unterliegt, indem der Formant ein und desselben 
Lautes während des Aussprechens beim Fragesatz steigt, bei der 
Affirmation sinkt. Natürlich ändert sich hierbei mit dem For¬ 
manten auch der Vokal selbst; es ist eben, genau gesprochen, 
nicht mehr dasselbe A oder 0, sondern ein sich stetig erhellendes 
oder verdunkelndes. Dagegen fanden sich solche gleitenden Ver¬ 
änderungen der Klangfarbe wieder bei gesungenen Vokalen 
nicht. Also auch in dieser Beziehung der Unterschied der schwan¬ 
kenden, stetig bewegten, von der festen Tongebung. Immerhin 
wird man die Festigkeit beim Gesang auch nur cum grano salis 
verstehen dürfen. 
Wegen des entscheidenden Gewichtes der festen Tonhöhen 
und Intervalle spielen beim Singen die Vokale eine weit größere 
Rolle als die Konsonanten. Im Gesänge werden Vokale oft lange
        

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