Bauhaus-Universität Weimar

Über neuere Untersuchungen zur Tonlehre. 
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Schritte verwechsele. Erl. v. Maltzew hat bei ihren Unter¬ 
suchungen über Intervallurteile in der tiefen Region an Orgel¬ 
pfeifen Verwechslungen dieser Art, bei denen sogar der dritte 
Teilton den Ausschlag gab, nicht selten bemerkt, sie aber richtig 
auf die angegebene Ursache zurückgeführt. Auch die Tatsache, 
daß eine melodische Figur wie 
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als Wiederholung wirkt, ist kein Beweis für die Identität der 
Oktave, denn schon die ganze Melodiegestalt ist ja dieselbe; darum 
erscheint sie uns auch mit g1, ja mit d1 als Anfangston als Wieder¬ 
holung. Wenn Révész erwidert: aber nicht als vollkommene 
Wiederholung, so antworte ich: eine vollkommene Wiederholung 
ist auch die auf der Oktave nicht. Überhaupt ist die von Révész 
mehrfach betonte melodische Äquivalenz der Oktave nur sehr be¬ 
dingt vorhanden. Man kann eine Melodie durch Einsetzung von 
Oktaventönen bis zur Unkenntlichkeit entstellen1). 
Endlich und besonders vermisse ich den überzeugenden Nach¬ 
weis, daß der Identitäts- bzw. Ähnlichkeitseindrack bei den Oktaven 
nicht empiristisch, als Nachwirkung individueller Erfahrungen 
erklärt werden kann. Warum kann die Ähnlichkeit einfacher Okta¬ 
ventöne nicht eine Nachwirkung der an obertonhaltigen Klängen 
gesammelten Erfahrungen sein, wie es nach Helmholtz zu ver¬ 
muten wäre? Oder eine Nachwirkung ihres Yerschmelzungs- 
eindruckes bei gleichzeitigem Erklingen? Es scheint mir, daß man 
tiefer auf die Frage eingehen müßte, wann und inwieweit solche 
Nachwirkungen überhaupt psychologisch möglich sind, um die Ent- 
*) Gurney (Power of Sound, 1880, § 16) führt als Beispiel das Trio des 
Chopinschen Trauermarsches an: man ersetze nur die aufsteigenden Septime 
durch eine absteigende Sekunde — und die Melodie ist total verdorben. Daß in 
einzelnen Fällen die Oktaventöne ohne so wesentliche Änderung eingesetzt werden 
können, soll nicht geleugnet werden. 
Auch von einer harmonischen Äquivalenz kann übrigens nicht ohne Ein¬ 
schränkung gesprochen werden: die ,,umgelagerten“ Intervalle und Akkorde 
können nicht an Stelle der ursprünglichen gebraucht werden. Aber eine so 
fundamentale Änderung wie bei der Melodie ensteht nicht, vielmehr bleibt der 
Grundcharakter doch erhalten, weshalb man die harmonische Äquivalenz (auch 
das „Erweiterungsgesetz“, von dem ich in den Beitr. zur Akustik u. Musikwissen¬ 
schaft I, 78 ff. gesprochen) immerhin zur Bestätigung der Oktavenidentität an¬ 
führen kann.
        

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