Bauhaus-Universität Weimar

Erscheinungen und psychische Funktionen. 
9 
bleiben.1 Glaubt man gleichwohl Gründe zu haben, zu jenem Ganzen psychi¬ 
scher Funktionen und Dispositionen, das wir Seele nennen, noch eine uns nicht 
gegebene Konstante hinzuzudenken, oder sie als einen zwar mitgegebenen, 
aber nicht für sich bemerkbaren Teil jenes Ganzen zu betrachten, so ist sie 
doch eben immer nur erschlossen, nicht umnittelbar gegeben im obigen Sinne. 
Was als Tatsache unmittelbar einleuchten soll, muß wahrnehmbar sein.2 
Mit dem Problem der Willensfreiheit hängt die uns beschäftigende 
Frage nur insofern zusammen, als die Erscheinungspsychologie das Wollen 
nicht anders als deterministisch auffassen kann (sie müßte denn etwa 
die Freiheit in irgendwelchen unbewußt-psychischen Akten suchen). Da¬ 
gegen ist der Funktionspsychologe nicht etwa als solcher zugleich Indeter¬ 
minist. Wenn das Wesentlichste im geistigen Leben die Funktionen, die 
Erscheinungen nur ihr Material sind, so können doch die Funktionen 
streng gesetzlich mit den Erscheinungen, untereinander und mit ihren 
außerbewußten oder außerpsychischen Bedingungen verknüpft sein. Die 
Anerkennung der Funktionen als Bewußtseinstatsachen bedeutet weiter 
nichts als die Anerkennung einer Anzahl von Variablen, die man außer 
den in den Erscheinungen selbst gegebenen (Qualität, Intensität usf.) zur 
Beschreibung des unmittelbaren Tatbestandes und seiner Veränderungen 
für erforderlich hält. Die Formeln, in welche diese Variablen eingehen, 
können sehr mannigfacher Art sein, sich auch quantitativen Bestimmun¬ 
gen überhaupt entziehen. Gleichwohl kann der Satz, daß unter genau 
gleichen Umständen genau gleiche Folgen eintreten müssen, auch hier seine 
Gültigkeit haben; wenigstens enthält der eingeführte Begriff psychischer 
Funktionen an sich keine Veranlassung, ihn zu bestreiten. 
Ich füge noch kurz bei, wie ich das Verhältnis des unmittelbar Ge¬ 
gebenen zum Realitätsbegriffe fasse ; nicht weil dies für den Gedankengang 
im folgenden von positiver Bedeutung wäre, sondern nur um etwaigen 
Mißverständnissen vorzubeugen : 
1 Die von Wundt so genannte »Aktualitätstheorie« ist bereits von Lotze und 
Fechner nachdrücklichst vertreten worden. Weiter zurückgehend wird man natürlich Hume 
nennen, der nur fälschlich statt eines »Ganzen« eine bloß assoziative Vereinigung be¬ 
hauptet hat. Im Grunde aber hat bereits Leibniz diese Auffassung von der Seele, und 
zwar in richtigerer und tieferer Form als Hume. 
2 Wenn in der vorhererwähnten Schrift von M. Wh. Calkins die Funktionspsycho^ 
logie als Ichpsychologie bezeichnet und dafür auch mein Name zitiert wird, so ist dies ein Mi߬ 
verständnis. Ich habe niemals daran gedacht, die Psychologie auf das Ichbewußtsein zu gründen. 
Philos.-histor. Abh. 1906. IV. 2
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.