Bauhaus-Universität Weimar

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C. Stumpf: 
Eine Anschauung endlich, die sich mit beiden zuletzt erwähnten be¬ 
rührt, hat Gevaert, der früher der Westphal’schen zustimmte, sich neuer¬ 
dings gebildet* 1. Hienach würde es sich in der That, um einunddenselben 
feststehenden Ton handeln, um die dorische Mese a (die »dynamische Mese« 
nach Westphal’s Ptolemaeus-Interpretation). Nur legt Gevaert nicht so sehr 
Gewicht darauf, dafs nach diesem Ton gestimmt wurde, als darauf, dafs 
dieser Ton, und nur dieser, in allen Melodien wiederkehrt und alle Ton¬ 
arten (besonders auch bei Modulationen innerhalb einer Melodie) unter ein¬ 
ander verbindet. Es existirte hienach, wenn ich so sagen soll, für die Alten 
eine universelle Dominante. Wie die unsrige zwei Tonarten mit einander 
verbindet, so verbindet die absolute dorische Mese sämmtliche Tonarten 
der Alten; freilich nicht infolge von »Verwandtschaftsverhältnissen«, son¬ 
dern nur infolge ihrer centralen Lage auf der Lyra und den sonstigen 
Instrumenten. Immerhin kommt doch auch bei uns, wenn zwei Accorde 
aufeinanderfolgen, schon der Umstand, dafs sie einen beliebigen Ton ge¬ 
meinschaftlich besitzen, mit in Betracht. Ein ähnliches Prinzip würde also, 
melodisch gefafst, dem Wechsel der Tonarten bei den Alten und der Function 
der dorischen Mese zu Grunde liegen. 
Gevaert hat noch keine eingehendere Erläuterung und Begründung 
seiner neuen Anschauung gegeben. W enn er sich darauf beruft, dafs die 
»thetische Onomasie« allen Schriftstellern vor Ptolemaeus unbekannt ge¬ 
wesen sei, so würde dieser Grund für uns weniger Gewicht besitzen, wenn 
wir (wie unten geschieht) die Probleme selbst nahe an die Zeit des Ptole¬ 
maeus verlegen; vielmehr würde eher ein Gegengrund und ein Argument 
für die »thetische (relative) Mese« daraus werden2. Aber Gevaert stützt sich, 
wie er mir brieflich mitzuteilen die Güte hatte, hauptsächlich auf die Analyse 
der vorhandenen Reste griechischer Melodien, in denen nicht die Mese, son¬ 
dern die Hypate als Hauptton erscheint3, und von mehr als 1000 liturgischen 
Gesängen vor dem 11. Jahrhundert, deren unmittelbaren Anschlufs an die 
antike Melodienbildung er in seinem Werk auseinandersetzt. Er habe unter 
cadence des mélodies modernes, est joué par la tonique«). Aber beide Auslegungen schließen 
sich doch gegenseitig vollkommen aus. 
1 Mélopée antique p. 12 unter II und Anm. 4, ferner Appendix II (1896) p. 467 Anin. 
1 Westphal selbst findet übrigens (Griech. Harm.3 170) Andeutungen der thetischen 
Onomasie schon l>ei Aristoxenus. 
* 8. besonders Mélopée ant. p. 39-40.
        

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