Bauhaus-Universität Weimar

6. Begriff der Wahrheit 
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Motiven nichts mehr zu tun haben, sondern ausschließlich in der 
beurteilten Sache selbst verankert sind. Dahin gehören z. B. die 
Sätze der elementaren Arithmetik und Algebra. 
Diese ganze Auseinandersetzung über den Wahrheitsbegriff 
könnte manchem Leser reichlich pedantisch und zugleich nichts¬ 
sagend Vorkommen. Aber in diesen Grundfragen geht es ohne 
Pedanterie nicht ab. Da hilft nur die allergrößte Genauigkeit, da 
schadet jede Stilblüte, da muß der Philosoph ebenso fanatisch auf 
Sauberkeit des Denkens wie des Ausdrucks 'halten, wie der Che¬ 
miker, wenn er eine Grundtatsache, etwa ein neues Element oder 
eine Umwandlung des einen in das andere, sagen wir von Queck¬ 
silber in Gold, gefunden zu haben glaubt. Sonst gibt es sofort 
heillose Verwirrung. 
Was aber die scheinbare Leere dieser Erklärungen betrifft, so 
liegt doch, genau betrachtet, in unserer Definition bereits ein Mehr¬ 
faches beschlossen, das für die ganze Auffassung des menschlichen 
Wissens bedeutsam ist: 
Erstlich ist damit gesagt, daß Wahrheit, wo immer sie sich 
findet, sie mag sich auf Wirkliches oder auf nur Gedachtes (ideale 
Gegenstände) beziehen, immer objektiv, d. h. vom Belieben der 
zufälligen Einstellung und der individuellen, ja auch der allgemein 
menschlichen Natur des Urteilenden unabhängig ist. Natürlich 
setzt sie ein Urteils- und erkenntnisfähiges Wesen überhaupt vor¬ 
aus. Wäre kein solches in der Welt, so ginge Wahrheit zwar auch 
nicht in Falschheit über, aber sie wären eben beide nicht vor¬ 
handen. Setzen wir aber ein Urteils- und erkenntnisfähiges Wesen 
voraus, so kommt es lediglich darauf an, ob die Bejahung bzw. 
Verneinung der dem Urteil zugrunde liegenden vorgestellten Ma¬ 
terie angemessen ist oder nicht. Wir können ruhig sagen, daß jedes 
urteilende Wesen, das aus diesem Stoff heraus, also evident, 
urteilt, zu diesem und keinem anderen Urteil kommen muß. Dies 
ist nicht ein postuliertes Naturgesetz, sondern liegt in der Defi¬ 
nition des Wahrheitsbegriffes selbst und im Wesen der Evidenz. 
Hiernach ist der Satz des Sophisten Protagoras, der Mensch sei 
das Maß aller Dinge, zu korrigieren, ln vieler Hinsicht läßt er 
sich gewiß verteidigen; aber so, wie er ihn selbst verstand, als 
erkenntnistheoretisches Prinzip, wonach ,,jedem das wahr ist, was 
ihm scheint“, ist er geradewegs sinnlos. 
Zweitens wird damit dem quälenden Gedanken des Skeptizis¬ 
mus, als könnte unser Verstand so eingerichtet sein, daß gerade 
Stumpf, Erkenntnislehre
        

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