Bauhaus-Universität Weimar

56 
§ 5. Der Begriff der Notwendigkeit und der Möglichkeit 
Vorhandensein der Anlagen selbst. Ebenso ist die Fähigkeit zum 
Laufen oder Flötespielen definiert durch bestimmte reale Be¬ 
schaffenheiten der Gliedmaßen in Verbindung mit bestimmten 
Gehirnstrukturen, die uns in diesem Falle allerdings noch nicht 
hinreichend bekannt sind. 
Man kann die Anlagen auch als ursprüngliche, angeborene 
Dispositionen bezeichnen; unter Dispositionen eben jene realen 
Strukturen verstanden, welche die Ausübung bestimmter Tätig¬ 
keiten oder die Entwicklung bestimmter Endgebilde ermöglichen. 
Außer diesen ursprünglichen gibt es aber auch erworbene Dis¬ 
positionen. Diesen Begriff hat gerade Aristoteles schon richtig 
formuliert und seine Bedeutung erkannt (êÇiç, später habitus). 
Er versteht darunter durch den Gebrauch erworbene Beschaffen¬ 
heiten eines Dinges, welche bestimmte Verhaltungsweisen vor 
anderen an sich auch möglichen begünstigen, wenn auch keines¬ 
wegs unter allen Umständen sichern. Ein Schnelläufer erreicht 
doch nicht immer das Ziel, ein Billardkünstler verfehlt auch ein¬ 
mal einen Stoß. Aber beide verdanken ihrer Übung die höheren 
Chancen des Erfolges. Erworbene Dispositionen können natürlich 
auch ungünstig sein für den Bestand oder die Leistung eines Dinges. 
Auch auf unorganischem Gebiete gibt es erworbene Dispositionen, 
wofür Beispiele überflüssig sind. Das alles hat nichts Mystisches 
mehr. 
c. Möglichkeit im Sinne der Vermutung des „problema¬ 
tischen Urteils“ 
Sagt man: „Möglicherweise regnet es morgen“, „mein ver¬ 
mißter Regenschirm ist möglicherweise auf dem Bureau stehen¬ 
geblieben“, so liegt hier ein anderer als die unter a und b er¬ 
läuterten Begriffe vor. In jenen beiden Fällen bedeutete das Wort 
Möglichkeit ausschließlich ein Wissen. Bei logischer oder phy¬ 
sischer Möglichkeit wissen wir, daß kein Widerspruch zu Ge¬ 
setzen besteht ; bei der Disposition, daß ein gegenwärtiger Zustand 
wesentliche Bedingungen eines Künftigen enthält, der aus ihm 
hervorgehen wird, sobald noch weitere Bedingungen hinzukommen. 
Anders ist es hier. Mit dem Satz „möglicherweise regnet es morgen“ 
wollen wir nicht bloß sagen, daß die Annahme keinen Widerspruch 
mit Gesetzen enthält, auch nicht bloß, daß die heutige Wetterlage 
den Keim der morgigen enthält, sondern wir wollen sagen, daß 
jene Annahme eine von mehreren ist, zwischen denen wir eine
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.