Bauhaus-Universität Weimar

2. Begriff der Möglichkeit 
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b. Möglichkeit im Sinne der Anlage (Disposition), sog. 
objektive Möglichkeit 
Wenn wir wissen, daß aus einem gegebenen Zustande eines 
Dinges ein anderer sich naturgesetzlich entwickeln werde, falls 
noch andere fehlende Bedingungen hinzukommen, so schreiben wir 
dem Dinge die Anlage zu diesem zukünftigen Zustande zu. Wir 
denken das Zukünftige irgendwie schon im Gegenwärtigen ent¬ 
halten, vorgebildet. Aristoteles wurde dadurch zu seinem Begriff 
der Materie (vlrj) als des „Seienden in Möglichkeit“, des potentiell 
Seienden geführt, eines Zwitters von Wirklichem und Unwirk¬ 
lichem, der nocli Jahrtausende Schwierigkeiten machte. Aristoteles 
meinte: wenn jemand laufen oder Flöte spielen kann, ohne augen¬ 
blicklich davon Gebrauch zu machen, so müsse man diese Fähig¬ 
keiten ihm doch als objektiven Besitz und Tatbestand ebenso zu¬ 
schreiben, wie später das wirkliche Laufen oder Spielen, sie ge¬ 
hören zu seiner Personalbeschreibung. Bei jedem Wechsel von 
Eigenschaften, seien sie quantitativ oder qualitativ, räumlich, zeit¬ 
lich usw., müsse die neue Eigenschaft, ehe sie wirklich wird, zu¬ 
nächst der Möglichkeit nach vorhanden sein. Auch in den Kate¬ 
gorien des Wirkens und Leidens, die mit zu seiner Kategorientafel 
gehören, statuierte er solche objektiven Möglichkeiten, und diese 
gespensterhaften Wesen, die den Dingen als bleibende Eigen¬ 
schaften innewohnen, haben dem physikalischen Kraftbegriff lange 
Zeit sein Gepräge gegeben. Ja sogar bloß mögliche Substanzen 
oder Dinge wollte Aristoteles außer den wirklichen als deren Vor¬ 
bereitung oder Anlage anerkannt wissen. Im Marmor schlummert 
die Bildsäule, im Ei das Huhn. 
Was nun hier Anlage genannt wird, ist uns freilich auch heute 
noch wenigstens im organischen Gebiete im einzelnen vielfach 
geheimnisvoll, da wir weit davon entfernt sind, es physikalisch 
oder psychologisch überall genau beschreiben oder erklären zu 
können. Aber seinem allgemeinen Begriffe nach enthält es keine 
Unklarheit mehr. Es ist nicht ein „Huhn in Möglichkeit“, das im 
Ei schlummert, sondern es sind bestimmte Keimstrukturen, und 
wir können sie in diesem Falle sogar sehr weit zuriickverfoigen, 
können auch die Prozesse recht genau angeben, durch die bei der 
natürlichen Entwicklung daraus das ausgebiidete Huhn entsteht. 
Kur über die treibenden Kräfte dieser Entwicklung herrscht noch 
Streit (Vitalismusfrage), aber nicht über den Begriff und das reale
        

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