Bauhaus-Universität Weimar

§4. 1. Das Problem in der Philosophie seit Locke 
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so kann es Vorkommen, daß der Gedanke an irgendwelche Dinge, 
sowohl an die erzeugenden Instrumente als an irgendwelche andere 
Außendinge oder seelische Subjekte hinwegfällt. Und so mag es 
auch einem Farbenfrohen gehen, der in den Eindruck farbiger 
Flecke ohne gegenständliche Bedeutung vertieft ist. 
Wir hatten in diesen Ausführungen des öfteren auf Lehren Franz 
Brentanos Bezug zu nehmen. Ich muß aber bekennen, über gewisse 
Dunkelheiten in der Fassung des Substanzbegriffes in der späteren Periode 
meines verehrten Lehrers1 nicht hinweggekommen zu sein. 
„Ding“ und „Reales“ bedeuten ihm dasselbe. Dagegen ist „Substanz“ 
ihm nicht gleichbedeutend damit, sondern bedeutet das Wesen eines Dinges 
und das „letzte Subjekt“ aller seiner Bestimmungen. Die Substanz ist in 
jedem Akzidenz als Teil enthalten (umgekehrt wie nach unserer Auffassung), 
wird also in jeder Wahrnehmung mit wahrgenommen, in jeder Vorstellung 
mit vorgestellt. Sie ist durch gewisse „substantielle Bestimmungen“ 
charakterisiert, ohne welche sie schlechterdings nicht sein könnte, wie z. B. 
bei körperlichen Substanzen durch Ausdehnung, Lokalisation und Gestalt. 
Aber sie ist nicht mit diesen Bestimmungen oder ihrer Gesamtheit iden¬ 
tisch, sondern in ihnen ebenso wie in den akzidentellen Bestimmungen als 
Teil enthalten. 
Es ist mir nicht klar geworden, wie dieser in allen Eigenschaften ent¬ 
haltene Teil sich nach weisen lassen soll. Ist er nicht ein überflüssiges 
Plus gegenüber dem wahrnehmbaren Tatbestände ? Ich bezweifle nicht, daß 
es auch unmerkliche Teile und unmerkliche Veränderungen von Wahr¬ 
nehmungsinhalten gibt. Aber dasjenige Urphänomen, aus dem wir einen 
Begriff sollen abstrahieren können, muß sich durch merkliche Verschieden¬ 
heiten oder Veränderungen von den übrigen abheben. Es scheint mir daher, 
daß dieses in allen Eigenschaften als Teil enthaltene X der Theorie die¬ 
selben Schwierigkeiten macht wie Lockes zu allen Eigenschaften hinzu- 
kommendes X, wenigstens wenn man, wie dies Brentano stets getan hat, 
daran festhält, daß alle Begriffe aus Anschauungen gewonnen werden. 
§ 4. Begriff der Ursächlichkeit (Kausalität) 
1. Das Problem in der Philosophie seit Locke 
Mit dem Ursachenbegriff ist es ähnlich gegangen wie mit dem 
Dingbegriff. Noch Locke meinte, ihn sowohl in der äußeren als 
inneren Wahrnehmung auf zeigen zu können. Allerdings gibt er 
zu, daß wir nur die tatsächliche Einwirkung eines Dinges auf ein 
anderes, nicht das Wie dieser Einwirkung erkennen, ja daß wir 
1 Vgl. darüber besonders O. Kraus, Franz Brentano, 1919, S. 53ff„ 
und Franz Brentano ,Versuch über die Erkenntnis (postum, ed. Kastil), 
1925, S. 30ff., 187.
        

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