Bauhaus-Universität Weimar

5. Substanz als das Einheitliche in der Vielheit der Eigenschaften 23 
freie Tonhöhen wahrgenommen hätten, und die beiden Eigen¬ 
schaften nur gewohnheitsmäßig miteinander in unserer Vorstellung 
verbänden, sondern sie liegt von vornherein in der Natur der Sinnes¬ 
empfindungen, wie sie jetzt dem Individuum angeboren werden. 
Sonst müßte man doch experimentell oder durch hinreichende 
Übung sich dieser Gewohnheit wieder entziehen können. 
Also bietet schon die Sinneswahrnehmung fortwährend Bei¬ 
spiele, aus denen man den Begriff eines Ganzen, zum Unterschied 
vom Begriff einer bloßen Summe, eines Bündels nach Humes 
Ausdruck, gewinnen und an denen man ihn leicht jedem verdeut¬ 
lichen kann. 
Man kann sogar soweit gehen, zu sagen: ein einfacher Ton 
oder eine homogene Farbenfläche bilde eine Einheit, in der wir 
nur künstlich mehrere Seiten unterscheiden. Baumlose Farben, 
qualitätslose Räume sind in der Tat Abstrakta, die nur unser 
Verstand bildet, um die in sich selbst einheitlichen Erscheinungen 
und ihre Veränderungen zu beschreiben. Ein Ton kann sich eben 
in verschiedener Richtung verändern und eine gewisse Ver¬ 
änderungsrichtung führt uns zum Begriff „Höhe“, eine andere 
zum Begriff „Stärke“. Ebenso ist es, wenn wir mehrere Ton¬ 
empfindungen untereinander vergleichen. Eine einzelne, konstante 
Tonempfindung aber für sich allein würde uns zu solchen Unter¬ 
scheidungen überhaupt keinen Anlaß bieten. 
Diese Abstraktionen sind auch nicht etwa willkürlich, sondern 
werden uns durch die Natur der Empfindungen auf gedrängt. Ihre 
richtige, d. h. der Natur der Empfindungen am genauesten an¬ 
gepaßte Formulierung (Unterscheidung, Klassifikation) bildet noch 
immer einen Hauptgegenstand psychologischer (phänomenologi¬ 
scher) Forschung. Wir können mit einem mittelalterlichen Aus¬ 
druck sagen: sie sind Verstandesprodukte, aber mit der Grund¬ 
lage in den Dingen, hier also zunächst in dem Erscheinungsmaterial 
(entia rationis cum fundamento in re). 
Wir sehen also: der Sensualismus, der alle Begriffe aus der 
Sinneswahrnehmung herleitete, hat diese seine einzige Quelle nicht 
einmal hinreichend ausgeschöpft. Die Anhänger der apriorischen 
Denkformen aber sind ohnehin viel zu leicht darüber hinweg¬ 
gegangen. Es ist einfach falsch, daß die Sinne immer nur „zer¬ 
streute Glieder“, bloße Haufen von Eindrücken ohne Ordnung und 
Zusammenhang lieferten. Selbst das Gesichtsfeld, das uns haupt¬ 
sächlich den Begriff von räumlichen Teilen liefert, ist uns immer
        

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