Bauhaus-Universität Weimar

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§ 16. Wahrnehmung der Kontinua 
endliche Größen nicht in der Wahrnehmung gegeben; aber was 
gegeben ist, ist von solcher Natur, daß man es immer weiter ver¬ 
größert denken kann, ohne daß diese seine Natur uns irgendwo 
Grenzen setzte. 
2. Inwiefern sind wahrgenommene Kontinua 
als Gestalten zu bezeichnen? 
Eine zweite Frage ist die, ob und wodurch wir berechtigt 
sind, wahrgenommene Kontinua als Gestalten (gestaltet) 
zu bezeichnen. Um eine gegebene Figur als eine Sinuskurve 
oder als einen Kreis zu erkennen, ebenso um zwei gegebene Kon¬ 
tinua als gleiche Gestalten zu erkennen, müssen nach unserer These 
mehrfache Wahrnehmungen von Teilen und deren Verhältnissen 
vorausgehen. Die Gestaltpsychologen werden vielleicht sagen, dies 
widerspreche der Erfahrung, da die Gestaltwahrnehmung hier ein 
ganz unvermittelter einfacher Akt sei. Es scheint uns aber bei 
kontinuierlichen Gestalten nicht anders zu liegen, als bei diskreten. 
Die Vergleichungen erfolgen nur in beiden Fällen oft sehr rasch. 
Bei der Sinuskurve erkennt man schnell, daß sie in zwei Hälften 
zerfällt, die symmetrisch nach oben und unten von der Mittellinie 
verlaufen, und daß innerhalb jeder Hälfte die Art des An- und 
Abstieges den nämlichen uns bekannten spezifischen Charakter be¬ 
sitzt, soweit eben unmittelbare Beobachtung entscheiden kann. 
Noch einfacher ist es beim Kreis, wo Abweichungen von der kon¬ 
stanten Krümmung sich der Wahrnehmung so empfindlich bemerk¬ 
bar machen, daß wir auch des Fehlens solcher Abweichungen uns 
schnell vergewissern, wieder innerhalb der Genauigkeitsgrenzen 
sinnlicher Wahrnehmung. 
Es ist nicht unbedingt notwendig, einen Kreis oder eine 
Gerade als Gestalten wahrzunehmen. Man kann sie auch so wahr¬ 
nehmen, wie man das Augenschwarz oder ein Geräusch wahr¬ 
nimmt, und kann darauf in bestimmter Weise durch Bewegungen 
reagieren, ohne sie überhaupt unter irgendwelche Begriffe zu sub¬ 
sumieren. Aber wenn man sie als Gestalten wahrnimmt und be¬ 
zeichnet, dann nimmt man auch Teile darin wahr, nur sind sie 
in diesen Fällen nicht in der Vorstellungsmaterie vorgezeichnet, 
sondern willkürlich (nicht fundiert), und sie sind unscharf gegen¬ 
einander abgegrenzt. Eine Gerade ist nun einmal eine Linie von 
gleicher Richtung in allen ihren Teilen, ein Kreis eine Linie von
        

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