Bauhaus-Universität Weimar

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15. Gestaltwahrnehmung 
blindes Herunterdrücken schwarzer und weißer Klaviertasten in 
bunter Reihenfolge entsteht, wird als Melodie anerkannt, obgleich 
schon durch die Einordnung in unser zwölf stufig temperiertes 
Tonsystem gewisse innere Beziehungen der Töne zueinander ge¬ 
geben sind und miterfaßt werden können. Die Tonfolge muß einen 
musikalischen Sinn haben, sie muß dem Hörenden verständlich 
und zwar für sich verständlich sein, d. h. ein abgeschlossenes 
Ganzes bilden, das nicht auf eine Fortsetzung hinweist. Die „un¬ 
endliche Melodie“ Wagners ist doch nur länger als die früheren; 
ein Ende hat sie immer. Wir nannten dies oben eine selbständige 
Gestalt gegenüber einer unselbständigen, wie es das bloße Motiv, 
der Melodiekeim ist. Andererseits kann eine Melodie Teil einer 
zusammengesetzten Gestalt sein, eines ganzen Satzes, einer ganzen 
Oper, welche gleichfalls selbständige Gestalten sind. Es muß daher 
noch die Bedingung der Unzerlegbarkeit hinzugefügt werden, 
um sie von diesen zu unterscheiden. Eine Melodie hat ferner stets 
einen mehr oder minder ausgeprägten Rhythmus. Eine bestimmte 
Melodie hat nur einen bestimmten Rhythmus, und er ist für viele 
Melodien charakteristischer als die Intervallfolge an sich. Durch 
bloße Änderung des Rhythmus kann eine Melodie ihren Charakter 
völlig verlieren1, während man nach Machs richtiger Beobachtung 
bekannte Melodien leicht tonlos durch bloßes Klopfen des Rhyth¬ 
mus ins Gedächtnis rufen kann. 
Man könnte daher, wollte man dies alles ausdrücklich hinein¬ 
nehmen, eine Melodie definieren als „eine diskret-sukzessive, selb¬ 
ständige, unzerlegbare, bestimmt rhythmisierte Tongestalt“. Aber 
eleganter und ohne diese technischen Ausdrücke ward man sagen: 
„Melodie ist ein für sich verständliches Ganzes von Tonschritten“; 
v7obei nur eben die Begriffe des Ganzen und der Verständlichkeit 
entsprechend erläutert und unter die „Tonschritte“ auch das 
Akzentgefälle einbezogen vrerden muß. Je kürzer die Definition, 
um so ausgiebiger muß die Erläuterung sein. 
Unter den angegebenen Merkmalen ist das der Verständ- 
1 So wird nicht jeder sogleich die folgende rhythmisch veränderte 
Tonweise erkennen:
        

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