Bauhaus-Universität Weimar

3. Hauptunterschiede der Gestalten 
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Wir sehen hier ab von den physiologischen Vorbedingungen der 
Gestaltwahrnehmung, v. Kries und besonders E. Becher1 haben die 
Frage aufgeworfen, wie es mit der Lehre von der Lokalisation der Sinnes¬ 
eindrücke in bestimmten Gehirnteilen verträglich sei, daß wir eine Gestalt, 
einen Menschen, eine Blume in verschiedenen Entfernungen wiedererkennen 
oder daß wir einen Tasteindruck wiedererkennen, wenn der Tastreiz ver¬ 
schiedene Stellen der Haut trifft, da doch der Reiz im ersten Falle ver¬ 
schiedenen Teilen der Sehsphäre, im zweiten Falle verschiedenen Teilen der 
Tastsphäre im Gehirn zugeleitet werde. Dieses Problem müssen wir der 
Nervenphysiologie und der allgemeinen Psychophysik überlassen. Das 
gleiche gilt von der Diskussion der sorgfältigen pathologischen Beob¬ 
achtungen, welche A. Gelb in Verbindung mit K. Goldstein2 in Fällen 
von Hinterhauptverletzungen über den Ausfall von Gestaltwahrnehmungen 
bei erhaltener Perzeption der optischen und taktilen Qualitäten veröffent¬ 
licht hat. Der Kranke, allerdings ein extremer Motoriker, konnte auch die 
einfachsten, ihm bekannten Figuren nicht wiedererkennen, wenn er sie nicht 
mit Bewegungen, insbesondere Kopfbewegungen, nachfahren durfte. Für 
die allgemeine Theorie der Gestaltwahrnehmung kann aus diesen Beob¬ 
achtungen kaum etwas Entscheidendes gefolgert werden, wie interessant 
sie auch nach anderen Seiten hin sind. Keinesfalls kann man daraus 
schließen, daß Gestalten etwas primär Wahr genommenes wären, aus welchem 
die Farben oder sonstigen Qualitäten erst herausgelöst werden müßten: 
denn in diesem Falle könnte man es umgekehrt für möglich halten, daß 
unter Umständen Gestalten ohne Qualitäten, aber nicht daß Qualitäten 
ohne Gestalten wahrgenommen würden. Wenn Töne das primär Gegebene 
des Gehörsinnes, Tongestalten aber Verhältniskomplexe zwischen Tönen 
sind, dann ist es begreiflich, daß unter Umständen ein einzelner gestalt¬ 
freier Ton oder auch eine Anzahl von Tönen gehört werden, die keine 
Melodie, keinen Akkord, jedenfalls keine der gebräuchlichen Tongestalten 
untereinander bilden. Dagegen ist dies schwer denkbar, wenn gerade Ge¬ 
stalten das einzig unmittelbar Gegebene sind. 
3. Hauptunterschiede der Gestalten 
Neben den unter 1. und 2. behandelten prinzipiellen Fragen 
über den Gestaltbegriff, an welchen die Erkenntnistheorie haupt¬ 
sächlich interessiert ist, gibt es eine Menge von Einzelfragen ein¬ 
schließlich experimenteller Fragestellungen, welche von jenen 
Prinzipienfragen unabhängig sind. Unter diesen kann nament¬ 
lich noch die der Klassißkation ein erhebliches erkenntnistheore- 
tisches Interesse darum beanspruchen, weil sie zeigt, wie groß 
der Umfang des Gestaltbegriffes ist, auch wenn man ihn auf das 
1 Erich Becher, Gehirn und Seele. Heidelberg 1911 (Die Psycho¬ 
logie in Einzeldarstellungen, 5), S. 399f. 
2 Psychologische Analysen hirnpathologischer Fälle. Hrsg, von Ad- 
hémar Gelb lind Kurt Goldstein. Bd. 1. Leipzig 1920, S. llff.
        

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