Bauhaus-Universität Weimar

§ 15. G es tait Wahrnehmung 
Wenn man überhaupt von Sukzessivgestalten in der Mehrzahl 
redet, also z. B. jetzt von dieser, dann von jener Melodie, dann ist 
es klar, daß jede einzelne mit irgendeinem Eindruck beginnt, der 
also zunächst, so lange er eben dauert, keine Sukzessivgestalt 
darstellt. Erscheint er nun auch ungegliedert, was ist er dann 
anderes, als eine isolierte, reine Empfindung? 
Man kann höchstens sagen: ,,Er dauert immer eine gewisse 
Weile, lang oder kurz, und behält in dieser Zeit entweder seine 
Höhe und Stärke bei oder er verändert sie, und in beiden Fällen 
hat er eine bestimmte, konstante oder stetig veränderliche, Höhen¬ 
oder Stärkengestalt“. Das wäre objektiv richtig gesprochen; 
aber es kommt wieder darauf an, ob unser Bewußtsein auf diesen 
Umstand eingestellt, daran interessiert ist oder nicht. Ist es nicht 
der Fall, dann nehmen wir den Ton wahr, aber nicht eine Ton¬ 
gestalt. 
Manchmal wird auch behauptet, daß ein einzelner Ton immer 
auf einem akustischen Hintergrund, innerhalb eines Hörfeldes 
erscheine, ebenso wie ein Earbeneindruck auf einem optischen 
Hintergrund, und daß in dieser seiner Erscheinungsweise seine 
Gestalt liege. Aber dieser akustische Hintergrund scheint mir 
eine Fabel zu sein, eine Erfindung ad hoc, um die Sinne einander 
anzugleichen und die Theorie zu retten. 
Beim Gesichtssinn könnte man die Hintergrundthese eher 
vertreten. Aber wie, wenn überhaupt nur ein Hintergrund er¬ 
scheint, wenn wir die Augen schließen, den zurückbleibenden 
,,Lichtstaub“ ignorieren und nur das gleichmäßige Dunkel be¬ 
achten ? Das Gesichtsfeld mag dann immer noch eine Gestalt be¬ 
sitzen, aber wahrgenommen wird sie nicht. 
Wir kommen also zu dem Ergebnis, daß es genug Fälle „reiner 
Empfindungen“ in dem Sinne gibt, daß ein Zusammenhang, eine 
Gestalt augenblicklich nicht daran wahrgenommen, nicht be¬ 
achtet wird, während unsere Auf merksamkeit doch auf die sinnliche 
Erscheinung als solche gerichtet ist1. 
1 In dieser Diskussion war nur von dem Zusammenhang der Sinnes - 
erscheinungen untereinander die Rede. Nur darauf bezog sich unsere 
Fragestellung und beziehen sich die einander entgegengesetzten Behaup¬ 
tungen. Es ist eine andere Frage, ob nicht jede Sinnesempfindung zugleich 
Unterlage eines Gefühls oder eines sonstigen Bewußtseinszustandes ist, oder 
ob auch in dieser Richtung „reine Empfindungen“ Vorkommen. Nach 
Brentano ist niemals das Bewußtsein rein auf einen Sinnesinhalt allein ge-
        

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