Bauhaus-Universität Weimar

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§ 15. Gestalt Wahrnehmung 
Schwierigkeit meist noch viel größer. Sodann die Tatsache, daß 
ein und derselbe Reiz verschieden wahrgenommen wird, je nach 
dem Zusammenhang, innerhalb dessen er dargeboten ist. So beim 
Farbenkontrast, so bei vielen geometrisch-optischen Täuschungen, 
beispielsweise der ,,Pfeiltäuschung“ ^^ >-<(, wo die Horizontale 
je nach der Stellung der Querlinien verändert erscheint. So aber 
auch im Tongebiete: derselbe objektive Ton, etwa h1, wird als ein 
anderer wahrgenommen, wenn er einmal isoliert oder als Tonica, 
ein andermal aber als Leitton gehört wird. Sein ganzer Charakter 
verändert sich dabei. Das Gestaltganze der Melodie bestimmt den 
Charakter jedes einzelnen Teiles, aber nicht umgekehrt. 
Was nun zuerst die Vexierbilder betrifft, so brauchen wir nur 
auf ganz Altbekanntes zu verweisen. Das, was uns im Gesichts¬ 
sinn gegeben ist, ist niemals bloß irgendein durch bestimmte 
Linien abgegrenzter Ausschnitt, sondern jederzeit das ganze 
Gesichtsfeld. Den Irrtum einiger älteren Physiologen und 
Psychologen, als wäre das Gesichtsfeld selbst schon eine Summe, 
ein Mosaik von einzelnen Empfindungen der kleinsten Netzhaut - 
teilchen oder Nervenfasern, wird doch heute niemand mehr wieder¬ 
holen. Innerhalb dieses ganzen Gesichtsfeldes wird ein durch be¬ 
stimmte Linien gegen seine Umgebung abgegrenzter Teil niemals 
ohne seine Umgebung, seinen Hintergrund wahrgenommen. 
Dieser Hintergrund ist aber ein anderer, wenn ich das Schwänz¬ 
chen ? oder die Buchstaben M und W isoliert und wenn ich sie im 
ganzen der obigen Figuren sehe. Daher kostet es Mühe, in der 
Phantasie den einen mit dem anderen Hintergrund zu vertauschen 
und die genannten Teile in der vorgelegten Gesamtfigur wieder zu 
erkennen. Sie waren vorher nicht bemerkt worden, weil sie tat¬ 
sächlich nicht vorhanden waren, nicht so vorhanden waren, 
wie es die Aufgabestellung verlangt. Sie können auch jetzt nicht 
in dieser Form, in dieser Umgebung innerhalb der Figur wahr¬ 
genommen werden. Bei den Vexierbildern ist dafür gesorgt, daß 
die Aufgabe noch durch besondere Figuren oder Linien, die die 
Aufmerksamkeit zunächst an sich reißen, erschwert wird. Bei 
dem zusammengefügten M und W sind es die zwei durchgehenden 
seitlichen Kurven, infolge deren zunächst der Eindruck eines 
verzierten H. entsteht. 
Was aber die Veränderung eines Empfindungsinhaltes durch 
den Zusammenhang betrifft, so ist nicht einzusehen, was daraus 
zugunsten der Gestaltpsychologie folgen soll. Auch wenn die Tat-
        

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