Bauhaus-Universität Weimar

2. Die neuere Gestaltpsychologie 
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^Siiin bietet die individuelle Entwicklungsgeschichte dei Organismen, 
die Aristoteles ihre erste wissenschaftliche Bearbeitung verdankt, das Bild 
eines solchen rationalen Geschehens. Ein Stadium reiht sien an das andere, 
als wären sie von einem berechnenden Verstände zu dem Ziel der Ent¬ 
stehung eines Gesamt Organismus von bestimmter Art hingeleitet. Und ist 
der Organismus fertig ausgebildet, so sind die Teile normalerweise sämtlich 
so beschaffen, wie sie im Dienste dieses Ganzen sein müssen. es ist dei 
Natur nach früher als seine Teile, es ist aber auch der Zeit nach irühei. 
Denn ,,jedes Ding wird aus einem gleichnamigen (gleichartigen) Ding“. Das 
ist bei den Organismen der elterliche Organismus, dessen Abbildung m 
einem kindlichen Organismus gleicher Art von der Natur mibewußt erstrebt 
wird. Während aber bei einem bildnerischen Kunstwerk das Endziel des 
Bildhauers in seiner Vorstellung präexistiert, geht bei Werken der Natur 
ein wirkliches gleichartiges Wesen voraus, dessen Reproduktion der Zweck 
der Natur ist. Die neue Wirklichkeit nennt Aristoteles die erste Energie 
(Entelechie) des entstandenen Wesens, während er als zweite Energie (Ente- 
lechie) seine natürliche Betätigung bezeichnet, welche noch mehr Zweck 
ist als die bloße Wirklichkeit. 
So ist nun aber auch das W eltganze nach Aristoteles früher als seine 
sämtlichen Teile, es präexistiert im Geiste seines Schöpfers als organisches 
Ganzes, aber es präexistiert nicht der Zeit nach, sondern der Natur nach, 
da die Welt von Ewigkeit her aus der ersten bewegenden Ursache hervor¬ 
geht. ,,Alles ist hingeordnet zu Einem.“ Dieses Eine ist der Weltgedanke 
im Geiste seines Schöpfers, und dieser Weltgedanke ist wieder nichts anderes 
als der Gedanke seiner selbst, denn sich selbst denkt er seit aller Ewigkeit 
(12. Buch der Metaphysik). Diese tiefsinnige Lehre enthält die Keime der 
ganzen mittelalterlichen Religionsphilosophie, selbst der Prädestinations- 
lehre, speziell der streng konsequenten aber harten Theorie der „prae- 
destinatio ante praevisa mérita“. 
Wie man sieht, hat der aristotelische Satz vom Ganzen und den 
Teilen seine Bedeutung nur innerhalb einer teleologischen Welt¬ 
anschauung, und man muß sagen, daß auch heute noch seine Bedeutung, 
wenn man ihn klar zu Ende denkt, keine andere sein kann. Soll das Ganze 
früher sein als der Teil, soll dieses durch jenes irgendwie bedingt sein, dann 
muß man die Welt von einer Intelligenz getragen und durchdrungen denken. 
Wir müssen hier von diesen letzten metaphysischen Ausblicken absehen; 
aber daß der beliebte, nicht immer zu Ende gedachte Ganzheitsgedanke 
damit zusammenhängt, mußte betont werden. V on vielen wird dies übrigens 
auch implizite dadurch anerkannt, daß sie den Begriff des Sinnes oder 
der Sinnhaltigkeit mit dem des Ganzen identifizieren oder verbinden. 
Inwiefern ist nun aber die kausale Er klär ungs weise, die uns doch un¬ 
streitig Bedürfnis ist, mit dieser teleologischen vereinbar ? Kann man sagen, 
das Ganze wirke auf die Teile ? -— Vielfach drückt man sich in dei Tat 
so aus, wenigstens in bezug auf das phänomenologische Gebiet. Dies scheint 
uns aber unzulässig. Nur innerhalb einer Gedankenentwicklung ist es 
möglich: der Gedanke des Ganzen ruft die Gedanken der Teile hervoi vde 
beim Künstler oder Arzt, nicht aber bedingt das reale Ganze die Teile, aus 
denen es besteht oder gar sich erst allmählich zusammensetzt. Ebensowenig
        

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