Bauhaus-Universität Weimar

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§ 15. Gestaltwahrnehmung 
höheren Denkens entnommen, wo sie für das schließende und das 
unmittelbare Erkennen gebraucht werden. Sie sind hier für analoge 
Verhaltungsweisen im sinnlichen Wahrnehmungsgebiete verwendet. 
Wir erläuterten oben die Wahrnehmung eines Verhältnis¬ 
ganzen mit einem Blick durch das Beispiel der sechs gleichfarbigen 
Billardkugeln. Je mannigfaltiger nun die zwischen den Teilen des 
Gesichtsfeldes bestehenden Verhältnisse sind, um so weniger ist 
uns das Verhältnisganze auf den ersten Blick deutlich, um so not¬ 
wendiger das Durchlaufen. Dann aber vereinigen wir alles wieder 
in einem geistigen Blick, wobei das Einzelne, infolge der Ge¬ 
dächtnisvorstellungen, auch wohl gelegentlich in begrifflicher Form, 
sich deutlicher als zuerst in das Ganze einfügt. Es ist eine Art 
„dialektischer Prozeß“ wie bei Hegel, wo jeder Begriff sogar durch 
sein Gegenteil bereichert zu sich zurückkehrt. 
Beim Tonsinn liegt es schon insofern anders, als die gleich¬ 
zeitig gehörten Töne und Geräusche nicht räumlich nebeneinander 
geordnet erscheinen. Den Tönen eines Dreiklanges entsprechen 
zwar objektiv räumlich getrennte Klaviertasten und Noten, auch 
stellt ein Musikalischer solche räumlichen Bilder vielfach mit vor, 
wenn er den Dreiklang hört. Aber wenn von diesen assoziierten 
Gesichts vor Stellungen abgesehen wird oder wenn sie, wie bei 
musikalisch Unerfahrenen, überhaupt fehlen, dann erscheinen die 
drei Töne nicht irgendwie nebeneinander geordnet. Ja sie er¬ 
scheinen vielfach überhaupt nicht als eine Mehrheit, sondern als 
vollkommen einheitlicher Eindruck. Nun pflegen Musikalische und 
Geübte gleichzeitige und gleichstarke Töne mittlerer Tonlage, wenn 
ihrer nicht mehr als drei oder vier sind, ohne weiteres zu unter¬ 
scheiden. In anderen Fällen aber ist doch auch hier ein Durch¬ 
laufen, ein sukzessives Einstellen der Aufmerksamkeit auf die ver¬ 
schiedenen Tonbereiche notwendig, um die einzelnen Bestandteile 
eines Zusammenklangs „herauszuhören“; und ist dies geschehen, 
dann wird auch hier die simultane Mehrheit als solche deutlicher 
erfaßt. Und es können, wie beim Gesichtssinn, beide Verfahrungs- 
weisen sich gegenseitig unterstützend miteinander ab wechseln. 
Was dabei im Labyrinth des Ohres und im Gehirn physiologisch 
vor sich geht, ist noch nicht genauer bekannt. 
Beim Erfassen einer Melodie geht das diskursive Verfahren 
voran, es fehlt das erste Stadium, die Gestalt setzt sich überhaupt 
erst in unserem Bewußtsein zusammen, wenn auch nicht „additiv“ 
in dem jetzt so verpönten Sinne des Wortes. Die Melodie wächst
        

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