Bauhaus-Universität Weimar

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§ 2. Ursprung und Sinn der Grundbegriffe 
Denn diese Funktionen haben weder Farbe noch Ton noch 
Geschmack, noch sonst eine sinnliche Qualität, können also 
nicht gesehen, gehört, geschmeckt oder sonstwie empfunden 
werden, und dennoch erleben wir sie und sind uns ihrer bewußt 
nicht minder wie der Farben und Töne, von denen wir uns 
zu Vergleichungen, Urteilen, Gefühlen oder Willensäußerungen 
angeregt finden. Daher müssen auch die Begriffe von seelischen 
Zuständen oder Tätigkeiten nicht aus der Sinneswahrnehmung, 
sondern aus diesem sogenannten ,,inneren Sinn“ hergeleitet werden. 
Bereits Locke hat darum „sensation“ und „reflection“ als zwei ver¬ 
schiedene Quellen unserer Begriffe bezeichnet, aber auch die Mög¬ 
lichkeit zugelassen, daß ein Begriff, z.B. der Kraft- oder Zeitbegriff, 
sowohl aus der einen wie der anderen Quelle fließe. Hierüber ist 
noch zu verhandeln; die prinzipielle Unterscheidung aber ist un¬ 
entbehrlich. 
3. Wahrnehmung von absoluten Inhalten und von Verhältnissen 
Eine zweite nicht minder wichtige Unterscheidung ist die der 
Wahrnehmung von absoluten Inhalten und von Verhältnissen. 
Wie sich uns beim Hören und Sehen zwangsweise bestimmte Töne 
und Farben auf drängen, so drängen sich auch bestimmte Verhält¬ 
nisse zwischen den einzelnen Empfindungen, z. B. starke Unter¬ 
schiede der Helligkeit, der Tonhöhe usw. auf. Wir erzeugen nicht 
diese Verhältnisse, legen sie nicht erst in das sinnlich gegebene 
Material hinein, sondern können sie darin nur wahrnehmen. Wir 
verwenden nicht das Wort „wahrnehmen“ etwa nur für das Er¬ 
fassen oder Bemerken der absoluten Inhalte selbst, sondern haben 
uns entschlossen, jedes Bemerken ein Wahrnehmen zu nennen, 
daher müssen wir folgerichtig auch von einer Verhältniswahr¬ 
nehmung sprechen. Eine solche findet auch statt auf dem Gebiete 
der inneren Wahrnehmung. Denn auch zwischen psychischen 
Funktionen können gewisse Verhältnisse bestehen und wahr¬ 
genommen werden. Ob alle Verhältnisbegriffe so gewonnen 
werden, kann hier noch dahingestellt bleiben. Jedenfalls ist bei 
der Untersuchung über die Herkunft der Kategorien sehr sorg¬ 
fältig darauf zu achten, ob in dieser Richtung alle Möglichkeiten 
erschöpft sind. 
Man kann sogar Verhältnisse von Verhältnissen (Verhältnisse 
zweiter Ordnung) wahrnehmen. Z. B. wenn uns nacheinander die 
Töne c d, sodann Cg4 vorgespielt werden, so bemerkt auch der
        

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