Bauhaus-Universität Weimar

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14. Allgemeines über Sinnes Wahrnehmung 
der bloßen Sinneswahrnehmung als etwas ganz Andersartiges hin¬ 
zukommt und in welcher die Spontaneität des Intellektes gegen¬ 
über der Rezeptivität der Sinneswahrnehmung zutage treten soll. 
Nach der zweiten Gruppe ist jede Sinnes Wahrnehmung selbst schon 
eine Verhältnis Wahrnehmung oder jede Verhältniswahrnehmung 
eine Sinneswrahrnehmung im engsten Sinne des Wortes. 
Platon, der zuerst das Problem gesehen hat, behauptet (The- 
ätet, Phaedon), Hören und Sehen seien Leistungen des Körpers, 
dagegen das Wahrnehmen von Gleichheit oder Verschiedenheit 
zwischen Tönen oder Farben sei eine rein geistige Leistung. Man 
könne Töne hören, niemals aber die Gleichheit von Tönen. Kant 
läßt zwar Körper und Geist hier aus dem Spiele, aber die all¬ 
gemeinsten Verhältnisbegriffe sind nach ihm gleichfalls vom Ver¬ 
stand in die Erscheinungen hineingetragen, nicht aus ihnen ge¬ 
nommen. Lotze wiederum setzt das beziehende Denken in ähn¬ 
licher Weise wie Platon der Sinneswahrnehmung gegenüber und 
findet darin gleichfalls einen zwingenden Grund für die Annahme 
einer unkörperlichen Seele. Denn wenn wir die Verschiedenheit 
zweier Eindrücke erkennen, müßten sie im Bewußtsein zugleich 
gegenwärtig sein, ohne sich aber zu vermischen, während im 
physischen Gebiete überall Resultantenbildung stattfinde. 
Wir lassen nun die metaphysischen Folgerungen ebenso wie 
Kants Lehre von den Denkformen hier dahingestellt und halten 
uns rein an die Beschreibung des WahrnehmungsVorganges. Da 
ist denn die Tatsache unter keinen Umständen zu übersehen, daß 
wir nicht beliebige Verhältnisse zwischen unseren Empfindungen 
wahrnehmen können, sondern daß die Beschaffenheit der absoluten 
Inhalte uns ganz bestimmte Verhältnisse unweigerlich auf drängt, 
sobald die oben erwähnten Bedingungen erfüllt sind. Es ist gewiß 
nicht zu leugnen, daß die vom Wollen geleitete Aufmerksamkeit 
hier einen viel größeren Spielraum der Betätigung hat als bei der 
Wahrnehmung der absoluten Inhalte. Aber wir können durch den 
Willen ebensowenig die in den Empfindungen gegebenen Ver¬ 
hältnisse ändern wie die Empfindungen selbst, genauer gesagt : wir 
können sie nur innerhalb der Grenzen ändern, in denen wir die 
Empfindungen selbst ändern können, und diese Grenzen sind be¬ 
kanntlich sehr eng gesteckt. Es scheint uns also kein Grund vor¬ 
zuliegen, das geistige Verhalten bei der Relationswahrnehmung 
anders zu definieren als bei der Wahrnehmung der absoluten 
Inhalte. Der Unterschied liegt nur im Gegenstand.
        

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