Bauhaus-Universität Weimar

2. Die Unterscheidung von äußerer oder Sinneswahrnehmung 11 
Hiermit schien die Frage nach der Herkunft dieser ,, Stamm - 
begriffe des Verstandes“ aller psychologischen Nachforschung ent¬ 
zogen. Hat einer überhaupt Verstand, so kann er nicht anders 
als in diesen Formen denken. Wie er aber zu seinem Verstände 
kommt, das geht den Erkenntnistheoretiker nichts an. 
Die Psychologen haben sich trotzdem nicht abhalten lassen 
ebenso wie bei Raum und Zeit auch bei den Kategorien Ursprungs¬ 
stätten im Gebiete der Wahrnehmungen aufzusuchen, Eindrücke 
(impressions), wie sie Hume nannte, Erlebnisse, wie der moder¬ 
nere Ausdruck lautet, „Urphänomene“, wie man sie unter 
Übertragung eines Goetheschen Ausdrucks nennen kann, und so 
das Unternehmen der englischen Schule fortzusetzen. Methodisch 
richtig ist es jedenfalls, so lange nach einer einheitlichen Herleitung 
aller Begriffe zu suchen, bis die Unmöglichkeit des Unternehmens 
überzeugend nachgewiesen ist, und das ist sie noch lange nicht. 
Kant hat die Flinte ins Korn geworfen, den Knoten durchhauen. 
Den Ausdruck „Wahrnehmung“ muß man dabei allerdings 
in einem sehr weiten Sinne verstehen, nämlich gleichbedeutend 
mit: „Bemerken von etwas.“ Ist uns beispielsweise ein Mehr¬ 
klang gegeben, so können einzelne Töne darin bemerkt werden oder 
es kann der Klang nur als Ganzes ohne Unterscheidung irgend¬ 
welcher Teile auf gef aßt werden. Im letzteren Falle sagen wir, daß 
die Teile zwar gehört, aber nicht wahrgenommen werden. Ebenso 
wird das seitwärts im Gesichtsfeld Gelegene vom normalen Auge 
gesehen, aber nicht oder nicht deutlich bemerkt, also nach unserem 
Ausdruck nicht wahrgenommen. Wahrgenommen wird nur das 
Ganze als solches und die für sich bemerkten Teile. Hält man 
diese Bedeutung des Ausdrucks fest, so sind zwei wichtige Unter¬ 
scheidungen zu machen, nämlich erstens zwischen äußerer (oder 
Sinnes-) Wahrnehmung und innerer Wahrnehmung, zweitens 
zwischen Wahrnehmungen von absoluten Inhalten und von Ver¬ 
hältnissen. 
2. Die Unterscheidung von äußerer oder Sinneswahrnehmung 
und innerer oder psychologischer Wahrnehmung 
Die Sinneswahrnehmung besteht im Bemerken von Sinnes¬ 
erscheinungen, die innere Wahrnehmung im Bemerken psychischer 
Funktionen. Farben, Töne, Geschmäcke nimmt man sinnlich 
wahr, Denken, Fühlen, Wollen aber nur durch Selbstbesinnung.
        

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