Bauhaus-Universität Weimar

3. Zur Theorie der gegenständlich-axiomatischen Erkenntnis 169 
hörte oder sich in der Erinnerung vorstellte. Er muß dazu min¬ 
destens einige verschiedene Töne gehört haben. 
Eine solche Beobachtung und ein solches Experiment liegen 
nicht vor. Aber wozu auch eine solche Fragestellung ? Im normalen 
Bewußtsein sind nach den ersten Lebenstagen in allen Sinnes - 
gebieten zahlreiche, in bestimmten Richtungen verschiedene und 
veränderliche Empfindungen gegeben, die auch mehr oder minder 
deutliche Gedächtnisbilder hinterlassen. Es würde also reichlich 
Material vorhanden sein, um induktiv mit hoher Wahrscheinlich¬ 
keit zu schließen, daß es in ihrer Natur liegen müsse, sich in diesen 
und keinen anderen Richtungen (nach Qualität, Stärke usw.) zu 
unterscheiden und zu verändern, sich in Reihen von bestimmter 
Dimensionenzahl zu ordnen, in bestimmtem Verhältnisse der Ähn¬ 
lichkeit, Steigerung, Verschmelzung usw. zueinander zu stehen. 
Dennoch : eine Induktion liegt sicherlich hier nicht vor. Gewiß 
trägt die immer wiederholte Erfahrung aller dieser Verhaltungs¬ 
weisen unserer Empfindungen viel zur Festigkeit unserer Über¬ 
zeugungen über die Richtigkeit der allgemeinen Sätze bei, indem sie 
fortlaufend Bestätigungen dessen liefert, was uns eigentlich schon 
feststeht. So wird ja auch dem religiös Gläubigen jedes Glück, 
das ihm widerfährt, und jedes Unglück des Gottlosen zur Bestäti¬ 
gung seines ohnehin schon festen Glaubens. Aber die Entstehung 
dieses Glaubens selbst, in unserem Falle die der Vernunfteinsicht, 
wodurch uns die Sätze zu Axiomen werden, ist nicht so zu ver¬ 
stehen. Wären sie bloß induktive Wahrheiten, so wären sie Hypo¬ 
thesen über Sachverhalte, an deren Stelle sich ebensoleicht irgend¬ 
welche andere, durch die Erfahrung zwar nicht gestützte, aber in 
sich selbst ebenso denkbare Formeln setzen ließen; so wie man 
etwa im Gravitationsgesetz an sich ebensogut die vierte wie die 
zweite Potenz der Entfernung einsetzen könnte. 
So ist es aber nicht, wenn wir uns die Wahrnehmungsinhalte 
Raum, Zeit, Farben, Töne usw. vergegenwärtigen. Sie gestatten 
keine andere Formulierung oder Beschreibung ihrer allgemeinsten 
Charakterzüge, als sie in den oben erwähnten Beispielen gegen¬ 
ständlicher Axiome gegeben ist. Höchstens über die Genauigkeit 
des Wortlautes und über die Reduktion oder Vermehrung der Sätze, 
aber nicht über ihre Wahrheit und Notwendigkeit ließe sich streiten. 
Auf der anderen Seite weiß nun aber jeder, der die Entwick¬ 
lung der Psychologie und Psychophysiologie verfolgt hat, daß über 
manche hierher gehörige Punkte der allgemeinen Sinneslehre ernst-
        

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