Bauhaus-Universität Weimar

1. Kategorische Axiome 
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So meinte Epikur, die Fledermaus sei eine lebendige Widerlegung 
des Satzes vom Widerspruch. Denn sie habe Flügel, sei also ein 
Vogel, und lege doch lebendige Junge, sei also wieder kein Vogel. 
Natürlich kommt es hier darauf an, wie man den Begriff und das 
Wort Vogel definiert. Es ist nicht der innere Widerspruch des 
Begriffes, sondern nur die Unbestimmtheit des vulgären Sprach¬ 
gebrauches, die den scheinbaren Widerspruch herbeiführt. 
Von weit größerer Bedeutung als diese oberflächliche und 
vielleicht nur scherzhaft gemeinte Einwendung sind die scheinbaren 
Widersprüche im Begriff der Bewegung, wie sie zuerst von Zeno 
aus Elea dargelegt wurden. Diese Widersprüche dienten später 
den Skeptikern als besonders schätzbares Material ihrer Polemik 
gegen die Grundlagen alles Erkennens. Aber gerade an dem ernsten 
und scharfsinnigen Eleaten zeigt sich ebenso wie noch im 19. Jahr¬ 
hundert an Herbart die gewaltige Sprengkraft des Satzes vom 
Widerspruche. Denn sie finden sich veranlaßt, um jener Wider¬ 
sprüche willen, die sie für unlösbar hielten, die Realität der Be¬ 
wegung, ja der Veränderung überhaupt zu leugnen. Wir werden in 
der „Naturphilosophie“ Zusehen müssen, ob eine solche Folgerung 
gezogen werden muß. Zunächst bestätigt gerade dieses Beispiel, 
wie unbedingt diese bedeutenden Denker selbst gegenüber der über¬ 
wältigend aufdringlichen Kraft der sinnlichen Anschauung dem 
Satze vertrauten. 
Nach Kant liegt im Begriffe eines Welt ganzen von Dingen an 
sich ein Nest voll Widersprüchen. Man muß es als endlich und 
zugleich als unendlich im Raume und in der Zeit denken, muß 
durchgängige Kausalität und zugleich freie ursachlose Anfänge, 
muß einfachste Bestandteile und zugleich Teilbarkeit ins Unend¬ 
liche annehmen. Die Lösung soll nur darin liegen, daß wir hier 
die Grenzen unseres Erkennens überschreiten. Eine starke Kon¬ 
zession an den Skeptizismus! Aber Kant selbst gerät damit erst 
recht in Widersprüche, wie jeder weiß, der seine Lehre vom Ding 
an sich und die Diskussionen darüber näher verfolgt hat. Anderer¬ 
seits hat die Naturwissenschaft, die gegen Widersprüche so emp¬ 
findlich ist, nicht auf gehört, diesen Fragen auch in bezug auf die 
reale Welt nachzugehen und sie hat damit recht getan. Kants 
Antinomien sind nur scheinbar, seine Argumente für die einander 
widersprechenden Thesen ein wahres Arsenal von Fehlschlüssen. 
Aber auch die Mystiker aller Zeiten, von den Neuplatonisten 
bis zu Hegel und Bergson, melden sich hier zum Worte. Nach
        

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