Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ueber den Kreislauf des Blutes im menschlichen Gehirn: Untersuchungen
Person:
Mosso, Angelo
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit8288/207/
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XIII. Anämie und Hyperämie des Gehirns. 
XIII. 
Anämie und Hyperämie des Gehirns, 
r . §. 53. 
Die Schwankungen der geistigen Functionen hei ah- oder zuneh¬ 
mendem Blutzuflusse zum Gehirne bilden den Gegenstand eines der 
interessantesten Studien, womit sich der Psycholog experimentell zu be¬ 
schäftigen im Stande ist: denn in keiner anderen Weise lässt sich augen¬ 
scheinlicher die enge Verknüpfung zwischen den psychischen und stoff¬ 
lichen Verrichtungen des Organismus darthun. Es genügt nur um Weniges 
die Blutzufuhr zum Gehirne zu verringern, damit das Bewusstsein sofort 
aufhöre. Sollte man mich fragen, welche unter allen organischen Ver¬ 
richtungen am innigsten an jede noch so geringe Aenderung des Stoff¬ 
wechsels gebunden sei, so würde ich ohne Bedenken antworten: das 
Bewusstsein. 
Das moleculäre Gleichgewicht in den Organen, welche der Sitz der 
Vernunft sind, wird schon durch Einflüsse, die in keiner merklichen 
Weise die Functionen anderer Körpertheile stören, tief erschüttert, weil 
im Gehirn der Stoffwechsel der Gewebe reger vor sich geht und der 
Bestand der zusammensetzenden Stoffe unsteter ist. Der höhere Werth 
der geistigen Erscheinungen liegt in der grösseren Complicirtheit der 
ihnen zu Grunde hegenden Vorgänge. Auch darf man nicht überrascht 
sein, wenn ich gleich vielen Anderen den Geist gerade deswegen als die 
edelste Äusserung der organischen Thätigkeit zu betrachten geneigt bin, 
weil er unter allen Erscheinungen des Organismus am meisten als Knecht 
des Stoffes erscheint. 
j Die Hemisphären des grossen Gehirns lassen sich durch jede Ein- 
\Wirkung, die auch nur für einen Augenblick deren Ernährung verlang¬ 
samt, so sehr afficiren, dass die geringste Verminderung der ihnen zu 
*Theil werdenden Blutzufuhr sofort das Bewusstsein aufhebt. 
Hier eine Beobachtung an Bertino, welche die merkwürdige Regheit 
des Stoffwechsels im Gehirne in grelles Licht zu stellen geeignet ist. 
Am 29. September, um 1 Uhr Nachmittags, wird zwischen mir und 
Dr. de Paoli eine Verständigung getroffen, um einige Beobachtungen 
über Hirnanämie anzusteflen. Zur Registrirung der Hirnbewegungen 
fixiren wir luftdicht die Guttapercha-Scheibe am Kopfe des Bertino, und 
um gleichzeitig den Vorderarmpuls zu verzeichnen, bringen wir an seinem 
rechten Arme den Hydrosphygmographen an. Ich setzte dem Berti no 
den Zweck unseres Vorhabens auseinander und bat ihn, recht aufmerk-
        

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