Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Zur Psychologie des Schreibens: Mit besonderer Rücksicht auf individuelle Verschiedenheiten der Handschriften
Person:
Preyer, William T.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit7744/93/
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Das handschriftliche Zeichen für mnsikalisches Talent ist also, 
wenn es eines giebt, zur Zeit unbekannt. 
In Bezug auf das besprochene Merkmal für Freude am 
Schönen, für Formensinn, ästhetisches Gefühl, Kunstsinn im all¬ 
gemeinen mufs hiernach beachtet werden, dafs überhaupt keine 
spezielle künstlerische Anlage aus der Handschrift bestimmt er¬ 
kannt werden kann und man zwar, wo die anmutigen Majuskeln 
vorhanden sind, jene Eigenschaften mit Sicherheit diagnostiziert, 
nicht aber, wo sie fehlen, ohne weiteres auf ihre Abwesenheit zu 
schliefsen berechtigt ist. 
Unter den in ästhetischer Hinsicht hervorragenden Majuskeln 
findet man, allerdings nicht eben häufig, solche, die mit den 
schönsten gedruckten Typen Ähnlichkeit haben und sich dadurch 
von der Kalligraphie am meisten entfernen. Manchmal sind diese 
Initialien geradezu vergröfserte tj^pographische Formen. Wo sie 
Vorkommen, wird auf eine grofse Neigung zu litterarischen Studien, 
auf Schriftstellertalent und fein ausgebildeten Sinn für Poesie 
geschlossen. Doch kann letzterer fehlen, wenn die litterarischen 
Neigungen sich auf wissenschaftlichem Gebiete bethätigen. 
Die Entstehung dieser Gewohnheit, die gedruckten Buch¬ 
staben beim Schreiben unabsichtlich nachzuahmen, war bis jetzt 
nicht erklärt. Sie läfst sich ohne Zwang darauf zurückführen, 
dafs die es thun aufserordenilich viel lesen und die Druckbogen 
oder Fahnen ihrer Werke setttst korrigieren. Dadurch kommen 
sie in die Lage, ihre Gedanken in definitiver Form beim Abschied 
sich noch einmal zu vergegenwärtigen, ehe sie in die Welt 
entlassen werden. Diese Form, d. h. der S#tz, und die monate¬ 
lang täglich mehrmals beim Lesen gedruckter Bücher dem Auge 
gebotenen schmucklosen, oft sehr ansprechenden typischen Lettern 
wirken daher im Erinnerungsbild in der Sehsphäre mit bei der 
Erzeugung der optischen Buchstabenbilder behufs schriftlicher 
Fixierung späterer Gedanken. 
Es ist mir indessen im Laufe der Jahre oft begegnet, dafs 
solcher typographischer Formen ausländische Gelehrte sich auf 
Briefadressen gern bedienen, am meisten Italiener, Engländer und 
Amerikaner, wenn sie die Adresse verdeutschen. Offenbar ist es 
der Wunsch, den Namen und Wohnort des Adressaten ganz 
deutlich anzugeben, welcher die Wahl dieser Majuskeln bestimmt,
        

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