Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Zur Psychologie des Schreibens: Mit besonderer Rücksicht auf individuelle Verschiedenheiten der Handschriften
Person:
Preyer, William T.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit7744/37/
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Beispiel ist der spitze Winkel, welchen ein aufsteigender Strich 
mit einem absteigenden bildet, wie in der Ziffer 1, oder umgekehrt 
der des grofsen und kleinen „v‘- und „w“ individuell verschieden. 
Ist er sehr grofs — und er kann in einzelnen Bällen fast 90° 
erreichen — dann wird die ganze Handschrift höchst charakteristisch, 
ist er sehr klein, ebenfalls. Man darf sich, wenn es sich um 
quantitative Angaben handelt, die kleine Mühe, solche Messungen 
auszuführen, nicht verdriefsen lassen. Erst dadurch wird es 
möglich, die konstanten individuellen Verschiedenheiten des 
Geschriebenen zu fixieren. Wenn ich erfahre, dafs in einer 
Schrift, die ich nicht kenne, der Winkel des eckig statt 
rund geschriebenen m an 89° beträgt, wie in der Schrift des 
Kaisers Maximilian von Mexiko, so weifs ich zugleich, dafs sie 
sehr steil sein mufs. Daraus lassen sich weitere Eigentümlich¬ 
keiten ableiten, so dafs allein aus der Kenntnis gewisser Zahlen, 
welche die Schriftlage, Zeilenrichtung, Höhe und Breite der 
grofsen und kleinen Buchstaben usw. betreffen, also allein aus 
quantitativen Angaben, bis zu einem gewissen Grade Eigen¬ 
tümlichkeiten einer individuell stark ausgeprägten Handschrift - 
rekonstruiert, somit eine Qualität derselben und damit Eigenheiten 
ihres Urhebers erkannt werden können. 
Schon aus diesem Grunde ist aufser den bisher aufgezählten 
individuellen Merkmalen des Geschriebenen auch manches Neben¬ 
sächliche zu beachten, was nicht die Handschrift selbst unmittelbar 
betrifft, aber zu ihr gehört. So die Länge der Zeilen im Ver¬ 
hältnis zur Breite der Schreibfläche. Ist sie kurz, dann bleibt links 
oder rechts oder links und rechts ein freier Raum. Dieser kann für 
jede Zeile annähernd derselbe oder bei der ersten klein oder grofs, 
bei der folgenden breiter oder schmaler sein, auch unregelmäfsig 
begrenzt erscheinen durch vortretende und zurückgehende Zeilen¬ 
anfänge, also wellig. Sind die Zeilen lang, dann wird der freie 
Rand an beiden Seiten sehr schmal und kann überhaupt fehlen. 
Die Breite des oben und unten unbeschrieben bleibenden Raumes 
variiert ebenfalls individuell. Desgleichen der Abstand der 
Zeilen voneinander. Hierbei ist zu beachten, dafs in manchen 
Manuskripten, selbst bei ziemlich grofsem Abstand der Zeilen 
voneinander, doch häufig die Langbuchstaben der einen in die 
der benachbarten übergreifen, sogar auf Briefadressen, wo es an 
Raum durchaus nicht fehlt, wie im folgenden Fall :
        

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