Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Zur Psychologie des Schreibens: Mit besonderer Rücksicht auf individuelle Verschiedenheiten der Handschriften
Person:
Preyer, William T.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit7744/203/
194 
psychodiagnostische Bedeutung. Wenn nämlich dieser Abstand 
in einer harmonischen Handschrift grofs ist und zugleich die Ent¬ 
fernungen der Wörter voneinander auf der Zeile, sowie die der 
Buchstaben in ihnen durchschnittlich nicht kleiner sind, als die Buch¬ 
stabenbreite, so dais eine „klare“ Schrift entsteht (S. 29, die zweite 
Probe), dann schliefst man auf eine hervorragende Bestimmtheit 
und Klarheit des Urteils. Die Schrift ist nicht allein leserlich, 
sondern so deutlich, dafs auch der im Entziffern von Manuskripten 
ungeübte sie leicht liest. Und doch erscheint sie nicht im ge¬ 
ringsten kalligraphisch. Keine Schnörkel entstellen sie, aber es 
fehlt auch nichts Wesentliches, und obgleich jedes Wort von einem 
angemessenen leeren Flächenraum vollständig umgeben erscheint, 
wird doch kein Raum verschwendet. So wenig der Lehrer oder 
Prediger oder Anwalt, welcher eine feste Überzeugung hat und 
sich der höchst wertvollen Fähigkeit erfreut, das, was er denkt, 
fühlt und will, unzweideutig auszusprechen, unnötige Phrasen in 
seine Rede einflicht oder zur Sache gehöriges wesentliches fort- 
läfst, ebenso wenig wird der Schriftsteller, welcher mit leidenschafts¬ 
loser Ruhe, rein sachlich und bestimmt seine Urteile begründet, 
sein Gutachten abgiebt, seinen Schriftzeichen unnötige, Zeit und 
Raum raubende Anhängsel beigeben oder für die Deutlichkeit 
notwendiges vergessen. Was nicht zusammengehört, wird weder 
in dem gesprochenen Vortrag noch in dem geschriebenen zusammen¬ 
geworfen, vielmehr alles, was getrennt betrachtet werden mufs, 
auch wirklich getrennt zu Papier gebracht, und was zusammen¬ 
gehört, vereinigt. Das Eine geschieht ohne die Übertreibungen 
des leichtsinnigen, oberflächlichen Verschwenders, das Andere ohne 
die des pedantisch-ängstlichen Geizigen. 
So resultiert die ungemein ansprechende, meistens nicht ganz 
steile, nicht stark rechtsschräge Handschrift, welche den hellen 
Kopf und den über den Beunruhigungen sinnlicher Triebe wie 
unfertiger Einfälle erhabenen, durch strenge Selbstzucht geschulten 
charakterfesten Mann kennzeichnet. 
Dagegen läfst schon das Übergreifen der Langbuchstaben, 
besonders /, G, J, T, f), f, &, §, 5)3, 0, von einer Zeile auf 
die benachbarte oder auf beide benachbarte Zeilen darauf schliefsen, 
dafs das Urteilsvermögen des Schreibenden nicht ungetrübt ist. 
Wenn soleheÜbergriffe (S.29oben und S. 128 unten L) oft Vorkommen, 
schon auf Briefadressen, wo es an Raum nicht fehlt, dann wird die
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.