Volltext: Zur Psychologie des Schreibens: Mit besonderer Rücksicht auf individuelle Verschiedenheiten der Handschriften

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weifs man nicht, dafs man schreibt. Selbst unter den günstigsten 
Umständen, mit Beibehaltung des Sehreibwiderstandes, sind meine 
kleinsten Kleinbuchstaben, wenn ich mit geschlossenen Augen 
möglichst aufmerksam für andere noch lesbar zu schreiben mich 
bemühe, doch noch fast 0,4 bis 0,5 Millimeter hoch. 
Wenn man aber in der Weise, wie ich es bei Registrierung 
kleinster unbewufster Handbewegungen thue, den Widerstand 
ausschaltet (vergl. meine Schrift Die Erklärung 'des Gedanken¬ 
lesens, Leipzig, Grieben 1886, S. 30), so dafs die glatte berufste 
Fläche von der Spitze der am Stift hängenden Nadel berührt 
wird, dann weifs der Schreiben-wollende schon unmittelbar nach 
dem Schliefsen der Augen nicht mehr, ob die Nadel noch 
die vertikale Fläche berührt, und macht in der Luft Schreib¬ 
bewegungen. 
Da indessen diese und manche andere Experimente die vor¬ 
liegende Frage von der Ursache der individuellen Gröfsen- 
verschiedenheit der Handschriften kaum aufhellen, so wichtig sie 
auch für die Einsicht in den Mechanismus des Schreibens sind, 
so mufs ich hier, wo es sich um die psychischen Momente handelt, 
von einer näheren Beschreibung absehen. Soviel ist gewifs, dafs 
bei einer von Haus aus geringen oder durch Krankheit ver¬ 
minderten Empfindlichkeit für Unterschiede der Fingergelenk¬ 
exkursionen und der Handgelenkexkursionen, alles übrige gleich 
gesetzt, sehr kleine Schriftzeichen überhaupt nicht mehr geschrieben 
werden können. Umgekehrt setzt eine ungewöhnlich kleine, feine 
Handschrift eine grofse Empfindlichkeit für Bewegungs- und 
Widerstandsunterschiede voraus. 
Daher ist es begreiflich, dafs man bei Ungebildeten, die ihre 
Hände nur zu grober Arbeit auf dem Felde oder in der Schmiede, 
im Stall und in der Scheune brauchen, feine Handschriften nicht 
findet. Hier bestätigt sich (was ich S. 65 betonte), dafs zur 
höheren Kultur eine gewisse Gelenkigkeit der Hand, d. h. eine 
weitgehende Ausbildung des Muskelsinnes und der Unterschieds¬ 
empfindlichkeit für kleinste Gelenkexkursionen gehört. 
Jeder Versuch, aus den Gröfsenverhältnissen der Buchstaben 
rein psychische Eigenschaften zu erschliefsen, mufs hierauf Rücksicht 
nehmen. Demnach ist auch die eingangs erwähnte Deutung 
grofser Schriftzüge seitens der Graphologen, wenn auch im 
allgemeinen zutreffend, im einzelnen Falle nur mit Vorsicht zu ver-
	        
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