Volltext: Zur Psychologie des Schreibens: Mit besonderer Rücksicht auf individuelle Verschiedenheiten der Handschriften

135 
Schnörkeln, Spitzen und Haken dem an der oberflächlichen 
Formähnlichkeit Gefallen findenden Phantasten Trauerweiden, Säbel, 
Dolche, Harpunen, Lassos, Spinnengewebe, während der Physiologe 
nur schwarze, krumme und gerade Striche sieht, welche er gene¬ 
tisch zu erklären sucht. 
Ungleich wertvoller als die Bemühungen, solchen gesuchten 
Formähnlichkeiten nachzuspüren, ist die Betrachtung einer Hand¬ 
schrift ohne alle Symbolik und Allegorie mit Rücksicht auf die 
Regelmäfsigkeit der Formen, welche sie kennzeichnet. Grofse 
Ordnung in einer harmonischen Handschrift, d. h. Konstanz der 
Buchstabenformen und der Gröfsenverhältnisse derselben, spricht 
für Ordnungssinn, überhaupt für festen Charakter und kon¬ 
sequentes Handeln, während eine auffallende Unbeständigkeit 
beider bei weniger überlegenden unordentlichen Menschen und 
in höchster Ausbildung — mit unstatthaften FortlassuDgen — 
bei Leichtfertigen gefunden wird. Indessen mufs, ehe ein 
solcher Schlufs im Einzelfalle zugelassen werden kann, noch 
anderes ermittelt werden. Der Wechsel in der Form grofser wie 
kleiner Buchstaben spricht auch für ein gewisses Anpassungs¬ 
vermögen und, wenn die Majuskeln anmuthige Formen haben, 
für ein fein ausgebildetes Taktgefühl. Wer Jahrzehnte hin¬ 
durch stets dieselben Buchstaben beibehält und ganz regelmäfsig 
mit annähernd gleichen Abständen der Schriftzeichen voneinander 
schreibt, kann sich in neue Verhältnisse nicht leicht fügen und 
wird unter zartfühlenden taktvollen Menschen nicht selten durch 
unpassende Bemerkungen oder Handlungen Anstofs erregen. Er 
geht seinen eigenen Weg unbekümmert um die Entrüstung der 
Anderen und ohne die Fähigkeit, ja ohne den Wunsch, sich an¬ 
zuschmiegen. 
Eine Erklärung bann für diese Thatsache noch nicht ge¬ 
geben werden; sie steht jedoch im Einklang mit dem von mir oft 
bei der Vergleichung von Handschriften und Handlungen be¬ 
stätigten Satz, dafs eine vorherrschende Geistesrichtung, welche 
durch eine charakteristische Handlungsweise sich im Leben 
kundgiebt, also durch Komplexe willkürlicher Bewegungen, auch 
in der Handschrift, als einem fixierten Komplexe von Willkür¬ 
bewegungen, sich in entsprechender Weise äufsert. Ein Mann, 
der viele Jahre lang regelmäfsig in kleinem Kreise einen Tag 
annähernd so wie den anderen zubringt, wird auch beim Schreiben
	        
Waiting...

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.