Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kant‘s kosmologische Antinomien und das Problem der Unendlichkeit
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit685/1/
Kant’s kosmologische Antinomien und das Problem 
der Unendlichkeit. 
Von 
W. Wundt. 
1. Die Formulirung der Antinomien. 
Anhänger wie Gegner der Kantischen Philosophie sind zumeist 
darin einig gewesen, in den »kosmologischen Antinomien« Meister¬ 
stücke dialektischen Scharfsinns anzuerkennen. Dennoch sind höch¬ 
stens von einigen Kantianern strengster Observanz sowohl die For- 
mulirungen wie die Lösungen der Antinomien für völlig einwurfsfrei 
gehalten worden. Dass insbesondere die Formulirungen derselben 
unter dem gezwungenen Schematismus der Kategorien zu leiden hat¬ 
ten, wird Niemand bestreiten, dem nicht selbst dieser Schematismus 
als ein Universalmittel für die Lösung aller möglichen erkenntniss- 
theoretischen Probleme gilt. Der Kritik Schopenhauer’s1) wird 
man hier in allen wesentlichen Punkten beitreten können, auch wenn 
man nicht mit ihm den ganzen Streit für eine »bloße Spiegelfechterei« 
hält. Auf diesem lediglich negirenden Standpunkte wurde selbstver¬ 
ständlich jede Untersuchung darüber, oh und wie etwa die Mängel der 
Kantischen Darstellung zu verbessern seien, gegenstandslos. Wer 
dagegen dem von Kant behaupteten Conflict der Vernunft mit sich 
seihst irgendeine Berechtigung, wenn auch vielleicht in anderem Sinne 
als Kant seihst, zugesteht, der wird nicht umhin können, sich dieFrage 
vorzulegen, welche Gestalt den Antinomien am zweckmäßigsten zu 
gehen ist, wenn man nicht durch einen von außen an sie herange- 
1) Kritik der Kantischen Philosophie, Werke Bd. II. S. 583 ff. 
Wundt, Philos. Studien. II. 33
        

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