Bauhaus-Universität Weimar

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W. Wundt. 
Einfachen, vom Besonderen zum Allgemeinen als das charakteristische 
Merkmal der Analyse, der umgekehrte Weg als derjenige der Synthese. 
Die Ausdrücke Analysis und Synthesis nahmen auf diese Weise eine 
dem Sinne dieser Worte vollkommen entsprechende, aber im Vergleich 
mit der ursprünglichenallgemeinere Bedeutung an. So erklärt Newton 
im dritten Buch der Optik, die Analyse sei diejenige Forschungs¬ 
methode , welche in der Mathematik wie in der Physik der Synthese 
vorausgehe. »Die Analyse«, sagt er, »stützt sich auf Experiment und 
Beobachtung und geht durch Schlussfolgerung vom Zusammen¬ 
gesetzten auf das Einfache zurück ; sie schließt von den Bewegungen 
auf die Kräfte , von den Wirkungen auf die Ursachen, endlich von 
den besonderen Ursachen auf die allgemeineren. Die-Synthese da¬ 
gegen nimmt die gefundenen Ursachen als die Principien an, erklärt 
die aus ihnen hervorgehenden Erscheinungen und führt den Beweis 
für ihre Erklärungen.«1) Diese Ausführung hat zunächst die Physik 
im Auge, aber ihrem allgemeinen Inhalte nach bezieht sie sich auf 
die Mathematik in gleicher Weise. Uebereinstimmend nennt L eihn iz 
ganz allgemein Analyse die Zerlegung eines Problems in seine Be- 
standtheile, Synthese den Fortschritt von den einfacheren zu den 
schwereren Problemen. Er fügt aber die bereits über den Euklidischen 
Begriff der synthetischen Methode hinausweisende Bemerkung bei, 
dass sich mit der Analyse fast immer zugleich ein synthetisches Ver¬ 
fahren verbinde. 2) 
In jener Erklärung Newton’s , die man wohl als eine Art exem- 
plificirender Definition der zu seiner Zeit gültigen Begriffe von Ana¬ 
lysis und Synthesis ansehen darf, ist nun derjenige Punkt, auf welchen 
in der Auffassung der Alten das Hauptgewicht gelegt und der noch 
bei Descartes deutlich zu bemerken war, ganz zurückgetreten. Nichts 
desto weniger ist gerade in der physikalischen Anwendung, die New¬ 
ton gibt, noch in Einer Beziehung die Verwandtschaft bemerkbar. 
Der Schluss »von den Bewegungen auf die Kräfte, von den Wir¬ 
kungen auf die Ursachen« ist keineswegs von zwingender Gewissheit, 
sondern, wie jeder Schluss von der Folge auf den Grund, im allge¬ 
meinen von vieldeutiger Art, so dass auf diese Weise nur hypothetische 
1) Newton, Optice. Lib. Ill, quaestio XXXI. Edit. Lausanne. 1740, p. 329. 
2) Math. Werke, Ausg. von Gerhardt, VII, S. 206.
        

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