Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundzüge der physiologischen Psychologie, 2. Band, 3.,umgearbeitete Auflage
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit5138/75/
Consonanz und Harmonie. 
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tität gemeinsamer Töne beruht, sondern auf einer Beziehung verschie¬ 
dener Töne zu einander, die unmittelbar als eine passende empfunden 
wird. Die Consonanz ist also eine Uebereinstimmung durch gleiche, 
die Harmonie ist eine Uebereinstimmung durch verschiedene, aber 
unter sich durch eine bestimmte gesetzmäßige Beziehung verbundene Töne. 
Selbstverständlich kann diese Beziehung nicht auf den objectiven Schwin¬ 
gungsverhältnissen der Töne als solchen sondern nur auf den Tonem¬ 
pfindungen beruhen. Hier ist es aber, abgesehen von der Consonanz, 
hauptsächlich die Beziehung auf einen gemeinsamen Grundklang, also 
die indirecte Klangverwandtschaft, welche eine solche Beziehung her¬ 
stellt. Der vollständige Einzelklang, bestehend aus einem Grundton und 
seinen nächsten deutlich vernehmbaren Obertönen, ist in der That das 
Grundgebilde, von welchem alle Harmonie der Töne ausgeht. Er ist einer¬ 
seits in Folge seiner mannigfachen Entstehungsweise hinreichend festge¬ 
wurzelt in unserm Bewusstsein, anderseits enthält er schon eine Man¬ 
nigfaltigkeit von Tönen, welche in ihrem Zusammenklang ein elementares 
Wohlgefallen anregen und so zu einer selbständigen Wiederholung und zu 
vielfacher Variation seiner verschiedenen Bestandtheile herausfordern. Auf 
diese Weise lösen die harmonischen Tonfolgen sowie die harmonischen Zu¬ 
sammenklänge vom Einzelklange sich ab, indem jene successiv, diese gleich¬ 
zeitig bestimmte Bestandtheile desselben intensiver zum Bewusstsein bringen. 
In der vollendeten Harmonie aber verbinden sich beide Momente, indem 
dieselbe die im Einzelklang betonten Elemente in den wechselseitigen Be¬ 
ziehungen, in denen sie zu einander stehen, theils im Accord zur gleich¬ 
zeitigen Geltung bringt, theils sie in der Aufeinanderfolge der Einzel¬ 
stimmen und der Accorde in die mannigfaltigsten Beziehungen zu einander 
setzt. Durch die Consonanz und Dissonanz kann diese Wirkung der Har¬ 
monie wesentlich unterstützt wTerden: durch die erstere, indem sie ge¬ 
meinsame Klangbestandtheile hervortreten lässt, durch die letztere, indem 
sie bestimmten harmonischen Zusammenklängen einen für die musikalische 
Wirkung bedeutsamen Charakter verleiht ; in ähnlichem Sinne kann auch, 
wenngleich in untergeordneter Weise, die Bauhigkeit des Klangs hülfreich 
eingreifen. Aber zur Harmonie als solcher ist Consonanz nicht erforderlich. 
Harmonische Effecte lassen sich daher auch erzeugen, w7o die Bedingungen 
der Consonanz völlig mangeln, wie z. B. mit den fast völlig obertonfreien 
Klängen von Stimmgabeln oder Lippenpfeifen ; ja solche Klangquellen 
können gerade dadurch, dass sie die reine Harmonie ohne begleitende 
Consonanz hervortreten lassen, unter gewissen Bedingungen große musi¬ 
kalische Wirkungen hervorbringen. Ebenso wird die harmonische Wirkung 
durch die beim Zusammenklang hervortretenden Differenztöne, namentlich 
wenn dieselben mit den Grundklängen übereinstimmen, unterstützt. Doch 
Wundt, Grundzüge. II. 3. Aufl. 5
        

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