Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundzüge der physiologischen Psychologie, 2. Band, 3.,umgearbeitete Auflage
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit5138/534/
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Metaphysische Hypothesen über das Wesen der Seele. 
dem Materialismus den Weg verlegt. Die Entstehung der Körperwelt kann 
aber wieder in verschiedener Weise gedacht werden. Entweder sind die 
Vorstellungen der Objecte, wie alles Vorstellen und Denken, die Wirkun¬ 
gen einer einzigen geistigen Substanz: so entsteht ein pantheistischer 
Spiritualismus, wie ihn Berkeley, theils von empirisch-skeptischen Motiven 
theils von Glaubensbedürfnissen geleitet, als seine Ueberzeugung hin¬ 
stellte. Oder man sucht einen Begriff der Substanz zu entwickeln, wel¬ 
cher gleichzeitig die Selbständigkeit des individuellen Bewusstseins und 
die Realität einer außer diesem stehenden geistigen Welt verbürgt. So 
* 
entwickeln sich jene m onadolo gisch en Systeme, denen die mensch¬ 
liche Seele als ein einfaches Wesen erscheint unter vielen andern, die 
den Leib und die Außenwelt bilden, ausgezeichnet nur durch ihren 
höheren Werth oder durch die günstige Lage, in die sie mittelst ihrer 
besonderen Verbindungen gesetzt ist. Aber schon an Leibniz, dem haupt¬ 
sächlichsten Begründer der Monadenlehre, zeigte es sich, wie leicht solche 
Anschauungen wieder dem vulgären Dualismus mit allen seinen Wider¬ 
sprüchen anheimfallen, sobald der Versuch gemacht wird, für das Problem 
der Wechselwirkung eine Erklärung zu finden. Bei Leibniz ist die Seele 
als herrschende Monade so unendlich erhaben über den dienenden Monaden 
des Leibes, dass es für Wolff nur eines kleinen Schrittes bedurfte, um 
vollständig zum Dualismus zurückzukehren. Herbart machte mehr Ernst 
mit dem Problem der Wechselwirkung. Naturphilosophie und Psychologie 
sollen bei ihm aus den nämlichen wechselseitigen Störungen und Selbst¬ 
erhaltungen einfacher Wesen abgeleitet werden. Aber auch er bleibt bei 
der Anschauung, die Seele sei ein einziges einfaches Wesen unter vielen 
ihr untergeordneten. In der Selbsterhaltung gegen die Störungen, die sie 
von andern Monaden empfängt, besteht die Vorstellung; aus Verhältnissen 
der Vorstellungen geht der ganze Thatbestand der innern Erfahrung her¬ 
vor. Diese Ansicht würde am leichtesten mit einer Hypothese über den 
Zusammenhang des Nervensystems vereinbar sein, wie sie Descartes schon 
aufstellte. In irgend einem Punkt des Gehirns, z. B. in der Zirbeldrüse, 
müsste die Seele sitzen, und in dem gleichen Punkte müssten von allen 
Seiten Fasern zusammenlaufen, durch deren Erregungen ihr die Zustände 
aller andern Hirntheile mitgetheilt würden. Diese Vorstellung widerstreitet 
aber so sehr den physiologischen Erfahrungen, dass in neuerer Zeit Nie¬ 
mand mehr daran gedacht hat von ihr Gebrauch zu machen. Man hilft 
sich also damit, dass man der Seele einen beweglichen Sitz im Gehirn 
anweist. Sie soll hierhin und dorthin wandern, damit sie bei den Vor¬ 
gängen in den verschiedenen Hirnprovinzen gegenwärtig sein könne. Die 
Ergebnisse der physiologischen Psychologie würden nun nicht nur ein viel 
umfangreicheres Wandern der Seele erforderlich machen, als die Urheber
        

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