Volltext: Grundzüge der physiologischen Psychologie, 2. Band, 3.,umgearbeitete Auflage (2)

Automatische und reflectorische Bewegungen. 
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irgend welche Erscheinungen anzunehmen, dass bestimmte Bewegungen 
nicht mehr die unmittelbaren mechanischen Erfolge vorangegangener Reize 
sind, und gibt es Anzeichen, welche auf eine Reproduction früher voran¬ 
gegangener Eindrücke hindeuten ? In dieser Beziehung verhalten sich nun 
zweifellos solche noch ihre Vier- und Sehhügel besitzende Thiere gar nicht 
anders als völlig enthauptete. Sie bleiben zwar in der Regel aufrecht 
sitzen oder stehen; aber die Muskelspannungen, welche zu dieser Haltung 
führen, lassen sich als die reflectorischen Erfolge der fortwährend auf die 
Haut stattfindenden Eindrücke ansehen. Dagegen ist keine Spur einer 
Bewegung wahrzunehmen, die nicht unmittelbar auf eine äußere Reizung 
zurückzuführen wäre. Eine Taube, deren Hirnlappen man entfernt hat, 
ein Frosch, dem das Großhirn von den Zweihügeln getrennt wurde, 
bleiben unverrückt Tage lang auf demselben Fleck. Nur wenn ein kleiner 
Theil der Hirnlappen erhalten blieb, ist nicht alle spontane Bewegung 
erloschen, und in solchem Fall kann sich diese sogar, vermöge der weit¬ 
gehenden Vertretungen der Function, deren die einzelnen Theile der Hirn¬ 
rinde fähig sind, fast vollständig wiederherstellen. Niemals aber ist bei 
gänzlichem Mangel des Hirnmantels und der ihn bedeckenden Rinde eine 
Lebensäußerung beobachtet worden, welche deutlich als eine willkürliche, 
nicht unmittelbar durch äußere Reize erweckte Bewegung zu deuten 
wäre1). Hieraus dürfen wir offenbar schließen, dass bei einem solchen 
Thier eine Reproduction früher stattgehabter Empfindungen nicht mehr 
möglich ist ; denn diese müsste nothwendig dann und wann auch zu ent¬ 
sprechenden Bewegungen führen. Damit ist aber ein zusammenhängendes 
Bewusstsein, welches die stattfindenden Eindrücke auf frühere Empfin¬ 
dungen zurückbezieht, an und für sich ausgeschlossen. Immerhin kann, 
ebenso wie beim Rückenmark, die Möglichkeit nicht zurückgewiesen 
werden, dass ein niederster Grad von Bewusstsein existiren mag, der eine 
Aufbewahrung der Eindrücke während einer sehr kurzen Zeit gestattet. 
Nur muss man festhalten, dass ein solcher auch hier zur Erklärung der 
Bewegungen gar nichts beiträgt. In der directen Verursachung durch 
einen äußeren Reiz tragen diese stets den Charakter wahrer Reflexe an 
sich, und sie sind vor allem viel zu verwickelt, als dass sie aus einem 
Bewusstsein von fast momentaner Dauer auch nur annähernd erklärt 
werden könnten. Wenn daher auch die Möglichkeit zugegeben werden 
muss, dass bei diesen complicirten Reflexen ein begleitender Bewusst¬ 
seinszustand einfachster Art nicht fehlt, so ist doch ein entscheidender 
\ ) Vögel, deren Hirnlappen entfernt wurden, bewegen allerdings dann und wann 
den Schnabel oder putzen sich die Federn. Es ist aber kaum zu zweifeln, dass solche 
Bewegungen in jenen Hautreizen ihren Grund haben, die auch bei dem unverstümmelten 
Thier die gleichen Bewegungen herbeiführen.
	        
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