Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundzüge der physiologischen Psychologie, 2. Band, 3.,umgearbeitete Auflage
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit5138/495/
Freiheit und Determination des Willens. 
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Sündenfall, ihre entschieden deterministische Versöhnung gefunden1). In der 
Philosophie vertheidigte Descartes die unbedingte Autonomie des Willens, wäh¬ 
rend die consequenten Weltanschauungen, wie sie Spinoza und in neuerer Zeit 
Fichte und Schelling entwickelten, dieselbe als widersprechend zurückweisen. 
Ebenso ist bei Hegel2) der freie Wille nur der vernünftige Wille oder der 
Geist im Momente seiner Selbstbestimmung. Den psychologischen Determinis¬ 
mus hat Locke3) begründet. Ihm folgt die ganze Schule der englischen Em¬ 
piristen4), in Deutschland die HERBART’sche Psychologie5), welche auch hierin 
in Gegensatz tritt zu der älteren WoLFF’schen Psychologie, die in dieser Frage, 
der unmittelbaren Selbstbeobachtung folgend, von Leibniz’ speculativem Deter¬ 
minismus sich trennt6). Eine eigenthiimliche, für die Gesammtrichtung der 
deutschen Speculation charakteristische Mittelstellung nimmt Kant ein. Seine 
Naturphilosophie neigt zu einer Anerkennung der Allgemeingültigkeit des Causal- 
princips, der sich selbstverständlich auch die willkürliche Handlung nicht ent¬ 
ziehen kann. In der Psychologie ist er Indeterminist. So kommt er zu jener 
eigentümlichen Auffassung, nach der im Willen die übersinnliche Natur des 
Menschen die Welt der Erscheinungen durchbrechen und hierdurch zugleich 
die Begrilfe Gott und Unsterblichkeit, die theoretisch nicht demonstrirt werden 
können, als notwendige Postulate erweisen soll7 8). Aber wenn auch die prak¬ 
tischen Principien des Handelns von der theoretischen Weltauffassung nicht not¬ 
wendig beeinflusst sind, wie denn in der That der wahre Determinismus die 
praktischen Consequenzen der Willensfreiheit acceptirt, so können doch unmög¬ 
lich, wie bei Kant, beide mit einander in Widerstreit treten. Der Begriff Gottes, 
welcher nach Kant aus der menschlichen Willensfreiheit folgen soll, ist viel¬ 
mehr aus der Nötigung des menschlichen Geistes entstanden, eine Ordnung der 
sittlichen Welt vorauszusetzen, welche den Zufall und die unbedingte Selbstbe¬ 
stimmung des Willens ausschließt, wie dies die religiös-dogmatische Auffassung 
gerade solcher Zeiten, in denen das religiöse Gefühl am lebendigsten war, deut¬ 
lich empfunden hat. 
In dem Streit zwischen Indeterminismus und Determinismus ist meistens 
von beiden Seiten empirischen Beweisgründen ein allzu hoher Werth beigelegt 
worden. Der Indeterminismus pocht auf die unmittelbare innere Erfahrung des 
Freiheitsbewusstseins. Dass hierin ein Beweis für die metaphysische Freiheit 
des Willens nicht liegen kann, ist schon von Herbart einleuchtend dargethan 
worden-). In Wahrheit besteht ja übrigens auch jenes Freiheitsbewusstsein nur 
in der Vorstellung, dass für den Willen statt des gegebenen ein anderer Im- 
\) Vgl. J. H. Schölten, Der freie Wille. Deutsche Ausgabe von C. Manchot. Berlin 
4 874, S. 2 ff., S. 12 ff. 
2} Encyklopädie, Th. III, § 481 f. Werke, VII, 2. S. 373. 
3) Essays on human understanding. Book II, chap. 21, § 4 4 f. 
4) Vgl. John Stuart Mill, System der Logik. Deutsche Ausgabe von Schiel. 2. Aufl. 
6. Buch, Gap. 2, S. 439 ff. A. Bain, The emotions and the will. Sec. edit., p. 493 ff. 
5) Herbart, Psychologie als Wissenschaft, § 4 03, 4 50. Werke, VI, S. 9 5, 347 f. 
Vgl. ferner IX, S. 243 f. 
6) Wolff, Psychologia empirica, § 926—946. Leibniz, Opera philos. ed. Erdmann, 
p. 54 7. 
7) Kant, Kritik der prakt. Vernunft. Werke, VIII, S. 4 56, 225, 264 ff. Fortschritte 
der Metaphysik seit Leibniz und Wolff, I, S. 529 ff. 
8) Herbart, Zur Lehre von der Freiheit des menschlichen Willens. Werke, IX, 
S. 243 ff.
        

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